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Jeschurun · 1924-11-01 · Heft 11-12 (November 1924) · p. Seite 509

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 11-12 (November 1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 509 (sequence 35)
Language
German
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Die Gestalt des Juden Shylock 509 eben der Gerichtscene, in der der Doge und alsdann Porzia in so ergreifenden Worten das Wesen der Gnade vor dem racheschnaubenden Juden verkündeten, der Gnade, die wie des Himmels milder Regen träufelt, die ein Attribut der Gottheit selbst ist und ohne die keiner zum Heile käme, sonst, sage ich, hätte, nachdem durch einen Advokatenkniff Antonio die absolute Gewalt über seinen Gegner gewonnen hat, er nicht mit teuflischer Niedertracht seine Rache an dem Unglücklichen geübt, ihn zur Annahme des Christentums und zur Schenkung seines Geldes ״an seinen Schwiegersohn und seine Tochter“ unter dem jubelndem Beifall aller Beteiligten gezwungen. Beweist doch Antonio damit nur, dass er und alle um die flüchtige Tochter wussten, dass er den Raub dieses Kindes als Ursache des unersättlichen Hasses in Shylock sehr wohl erkannte. Er fügt in gefühlsroher Laune noch den bluügsten Hohn zur Rache hinzu; und diese Handlung erscheint dem Dogen so herrlich, dass er sofort sein gegebenes Wort der Begnadigung widerrufen will, falls Shylock diese ״Gnade“ nicht anzunehmen bereit ist. Wo ist die Gnadenpflicht von vorher geblieben? Hat sie etwa Shylock verwirkt, weil er auf seinem Schein bestand — was tun denn jetzt seine Feinde anderes als auf dem ihren zu bestehen? Und Shylock hat nur das Böse gewollt, sie aber haben durch den Raub Jessikas an ihm das Böse geübt und sich — wie eben die erzwungene Schenkung an Jessika beweist — am Raub mitschuldig gemacht. Es ist eben zweierlei Mass, das hier angewandt werden soll und offenbar in Shakespeares Augen mit Recht angewandt wird. Für uns aber, die solche Brille nicht tragen, ist das Stück objektiv etwas anderes, als wie sein Verfasser gewollt. An dieses objektive Drama haben wir uns zu halten. Objektiv ist Jessika durchaus ein entartetes Geschöpf; denn wenn sie tausendmal dem Vater entfliehen zu müssen glaubte und dazu in ihrer Liebe, in ihrer Freudlosigkeit, ihrer christlichen Seinsart die Berechtigung fühlte, so hat sie dennoch in dem gemeinen Raub an des Vaters Gut und der sinnlosen Verschwendung der durch die Erinnerung an ihre tote Mutter 3

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