Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 508 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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608 Die Gestalt des Juden Shyloek der Grausamkeit, der mitleidlosen Härte tragen im Gegensatz zu den Menschen der ״Gnade״ und der christlichen Nächstenliebe. Aber ״aus dem Fluche dieses Mannes ist erkennbar, dass er segnen musste“. Auf Bileam wie auf Shakespeare gilt das Wort: er kündete und wusste nicht, was er kündete. In der unsichtbaren Führung des Genius musste der Griffel des Anklägers eine Verteidungschreiben, eine Selbstanklage der Christenheit; Shyloek wurde unvermerkt aus einem ״Werwolf1*', aus einem Unmenschen eine tragische Gestalt, die unser Mitleid auf das Tiefste erregt, die durch die Grösse ihres Ausmasses alle anderen Typen des Dramas׳ in den Schatten stellt und dem Lustspiel von Venedig solch bitteren Wehmutszug verleiht, dass man über ihn das Lachen vergisst. Dies im Gegensatz zu den Ausführungen meines verehrten Kollegen Dr. B 1 a u in der vorletzten Nummer des Jeschurun zu beweisen, sei das Ziel dieses Aufsatzes. Wenn Blau sagt: ״Seit Heines Verteidigung überwiegt in der Literaturkritik und auf der Bühne die apologisierende Beurteilung, und kein noch so . . . voreingenommener Kritiker wagt (sic!) mehr den Juden Shyloek als den leibhaftigen Bürgerschreck von Venedig ... an die Wand zu malen“, so ist damit eben zugestanden, dass nur einmal der Schleier christlicher Selbstbeweihräucherung zerrissen werden musste, damit plötzlich alle Massstäbe des Dramas sich umwerteten und vielleicht gegen die ureigentliche Absicht des Verfassers selbst seine Gestalten eine andere Physiognomie annahmen als wie vorher. Als hätten sie bis dahin Masken getragen, und zeigten erst jetzt ihr wahres Antlitz. Denn zweifellos war in Shakespeares Augen der Raub eines Judenmädchens eine verdienstliche Tat, die Ueberführung ins ״Lichtreich“, wie Landauer sagt, und war die Lieblosigkeit eine3 jüdischen Kindes gegen seinen Vater ein Zeichen seiner seelischen Auserwähltheit und Reife für eine bessere Welt. Zweifellos war in Shakespeares Augen nur die Rache an einem Christen etwas Verwerfliches; die an einem Juden verübte grausamste Grausamkeit aber nicht nur kein Makel, . sondern sittlich rühmenswert. Sonst hätte der grosse Brite nicht in