Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 481 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Fechner’s SeelenLehre usw. 481 wir aber in der tiefsten Form des tierischen Organismus ein Bewusstsein an, mit welchem Recht sollen wir es der Pflanze absprechen, die doch mit diesen Formen so viel Gemeinsames hat? Das Bewusstsein der Pflanze hat sich freilich unvollkommen entfaltet, aber unvollkommen nur im Verhältnis zum menschlichtierischen, ihrem eigenen Wesen durchaus angemessen. Nun wird man sagen, die Tiere brauchen Nerven zur Empfindung, also werden auch die Pflanzen Nerven zur Empfindung brauchen; sie haben aber keine. Man könnte in gleicher Weise schliessen: Die Violinen brauchen Saiten zum Tönen, also werden auch die Flöten Saiten zum Tönen brauchen; sie haben aber keine, und können also nicht tönen Die Dochtlampen brauchen Dochte zum Brennen, also werden auch die Gaslampen Dochte zum Brennen brauchen. Doch tönen die Flöten ohne Saiten und brennen die Gaslampen ohne Dochte. Säugetiere und Vögel atmen mit Lungen, und zerstört man diese, so können sie ebensowenig mehr atmen, wie Tiere empfinden können, wenn man ihre Nerven zerstört. Aber gibt es deshalb kein Atmen mit Kiemen, mit der Haut, mit dem Darm? Können aber Fische, Würmer ohne Lungen atmen, während Säugetiere und Vögel mit Lungen atmen, warum sollten nicht auch Pflanzen ohne Nerven empfinden, während Tiere nur mit Nerven empfinden können?1) Nun gibt es aber auch Tiere, die keine Nerven haben und doch empfinden. Es sei nur an den Polypen erinnert (gemeint sind hier nicht die Kraken sondern die Hydren, die Süsswasserpolype). Der Polyp hat keine Nerven und dennoch eine sehr intensive Empfindung. Um die Pflanzenseele ablehnen zu können, hat man freilich auch den Polypen ein Bewusstsein abgesprochen. Aber die Intensität, die bei ihm auf die Befriedigung der Sinnlichkeit gerichtet ist, seine Gefrässigkeit, sein begieriges Haschen mit seinen Fangarmen nach Beute, der Streit zwischen zwei Polypen um die Beute, die Ablehnung der Pflanzenkost, die Wahl, die er zwischen der ihm gereichten l) Fechner üeber die Seelentrage S 27 f.