Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 467 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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Kabbinisehe Formgeschichte 467 sehen Literatur durchaus nicht fehlt. Was man für die Formgeschichte des neutestamentlichen Evangelien von der chassidisehen Literatur lernen kann, kann man ebenso, und, wegen der zeitlichen Nähe und der Verankerung der Schriftgelehrten und Pharisäer im Neuen * Testament, in den Evangelien selber, vielfach noch besser von der rabbinischen Literatur lernen. 3. Mit alledem soll nicht gesagt sein, dass für die Formgeschichte der Evangelien nur die rabbinische Literatur wichtig sei. Die Apokalyptik und die hellenistische Literatur kommt hinzu. Aber es liegt in der Natur der Sache und ist ja schon für grosse Stücke der Evangelien nachgewiesen, dass die neutestamentliche Formgeschichte gut tut, sich ganz besonders um die wörtliche und genaue Heranziehung der rabbinischen Materialien zu kümmern. Nicht nur von der jüdisch-rabbinischen Paränese geht ein sehr direkter Weg zu Form und Inhalt, namentlich zur Form, der Evangelien und des Neuen Testamentes, sondern auch von der rabbinischen mündlichen lieber- Lieferung, von den rabbinischen hebräisch aramaischen Ausdrucksformen und Begriffen, von ihrer Erzählungsart, von den Aussprüchen der Rabbinen, den Rabbinen-Anekdoten, den rabbinischen biographischen Stücken, Martyrien, vom Midrasch, den Gleichnissen, auch den Wundern, ja in gewissem Sinne auch von der Halacha, wobei die Predigt der Rabbinen, der Kultus der Synagoge, Siddur und Machzor, das gesamte volkstümliche Wirken der Rabbinen nicht zu vergessen ist. Gewiss: die Evangelien gehören zur volkstümlichen Kleinliteratur, wenn auch nicht alle in gleichem Masse. Aber das ״Volk“, aus dem sie herauswuchsen, war stark ״gelehrt* durchsetzt; man darf auch nicht die eigentliche ״Quelle“ der Evangelien vergessen: die Persönlichkeit Jesu selber, ihre Originalität, ihre Anlehnung an das Geläufige in den Formen des Lehrens und Lebens. Dass seine Anhänger so gut fähig waren, seine Worte und Taten zu tradieren, setzt die Gewohnheit des rabbinischen Lernens und Lehrens voraus.