Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 432 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Der Selbständigkeitsgrad usw. tut man nicht in Israel/ wie er aus dem Munde eines jungen Mädchens in 2. Sam, 13,12 uns entgegenschallt. Also gegenüber gewissen Arten der Unsittlichkeit bricht das Volksbewusstsein sich Bahn, dass Israel auf einem höheren Niveau der Zucht und Sitte stehe. Bei diesem Satze ist es nicht natürlich, ihn direkt und allein aus der religiösen Besonderheit Israels hervorgesprosst sein zu lassen. Bei seiner Entstehung hat doch auch das natürliche Nationalbewusstsein Israels mitgewirkt. Ein solches Zusammenwirken von Religion und Volksbewusstsein ist weiterhin insbesondere auch bei der Gestaltung der staatlichen Verhältnisse Israels als naheliegend an- Zusehen. Denn allerdings ist nach der herrschenden Idee des altisraelitischen Schrifttums die Staatsform bei diesem Volke von dem religiösen Grundsatz belebt, dass die Gottheit selbst die oberste Regentin des Volkes sei. Schon aus 2. Mos. 15, 18 schallt uns ja das Prinzip ״Der Ewige soll König sein״ entgegen, und dies wird auch z. B. durch Gideons Weigerung, das Fürstentum über Israel anzunehmen (Rieht. 8, 23) bestätigt. Aber man weiss, dass dieses leuchtende Ideal der führenden Geister Israels, welches auch der Volksgemeinde eine so entscheidende Stimme, wie kaum im alten Griechenland1), zugestand (Rieht. 20,1 usw.) und jedem Helden freie Bahn machte, um als rettender Helfer in der Not des Vaterlandes aufzutreten, von einer trotzig-verzagten Volkspartei in einer schwierigen Lage verkannt, und dass deren Wunsch durch die erzieherische Langmut Gottes erfüllt wurde. Da hat aber jenes alte Ideal beim Uebergang zum Königtum, wie es ״alle Gojim hatten״, noch eine höchst bemerkenswerte Wirkung hervorgerufen: eines wurde nicht mit übernommen, nämlich die Vergötterung der irdischen Könige. Wie deutlich sehen wir dies noch im Buche Esther hervortreten! Als dort vor dem Palaste des Perserkönigs alle sich zur Verehrung eines Ministers niederwarfen, blieb doch Mordechai aufrecht stehen. *) Vgl. Hermann, Lehrbuch der griechischen Staatsaltertümer, 6. Auflage, 8. 61 f.