Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 418 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2292929-2293027-2293032--07193-2300475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
418 Der Witebsker Prozess usw. langsam versiegen und eintrocknen, wie es viele Volksteile des Judentums illustrieren, die dem Talmud entfremdet wurden. Was hat der Ostjudenheit trotz ihrer zwansgweisen Abschliessung von aller Kultur doch stets eine gewisse Ueberlegenheit, einen grösseren Prozentsatz von ungewöhnlichen Begabungen gegenüber ihren Brüdern im Westen gegeben? Sind wir denn von allen guten Geistern verlassen, die wir doch auch Bibel und Talmud früh und spät lernen, dass, was unseren Geist aufs äusserste schärft, mit einmal stumpf und gedankenlos und geistesträge macht? Bis jetzt sollte nach allgemeinem Urteil das Studium der jüdischen Schriftwelt vielleicht zu aufklärend, zu intellektualistisch, zu geistschärfend gewirkt haben: es war die Entdeckung der Herren Chrapkowski und Krasinski, die Entdeckung des Witebsker Gerichtshofes, dass das Hebräische und seine Literatur — verdumme. Ihre einzige originelle Entdeckung. Ist es auch Unsinn, hat es doch Methode. Wohl ist die volle unterrichiliche Kraft des Chederstoffes durch das Ungeschick und Banausentum der Lehrer ofr. verkümmert worden; wohl mag der Betrieb häufig bis ins Sinnlose mechanisiert gewesen sein. Man hat es auch erlebt, dass unter der Hand untüchtiger Lehrer die Mathematik oder Grammatik eine logisch-schulende Wirkung nicht gehabt haben. Und dennoch ist die verallgemeinernde Behauptung von einer geisttötenden Wirkung dieser Lehre falsch. Wohl war der Besuch des Ciieder oft ein so ungeregelter, dass viele in den Anfängen stecken blieben, was selbst unter Schulzwang bei ca. 10 % aller Schüler der Fall ist. Wohl mag oft das elementare Ausmass des Wissens, das von früh ins Leben tretenden Kindern mitgenommen ward, bald von der Maschine des stumpfsinnigen Alltags ganz zerrieben worden sein, wie wir es täglich bei Abiturienten höherer Schulen, aber gewiss bei Tausenden Volksschulentlassener erleben. Ich will, wenn wir den Scherz eines Prozesses gegen die Schule in Berlin oder Hamburg uns leisten wollten, an unzähligen von Zeugen „Miletschin“ nachweisen, dass sie in der Schule nichts gelernt und nichts vergessen haben, dass ihnen die schlichtesten Grundbegriffe, auf die Jahre von