Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 414 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Der Witebsker Prozess usw. Schicksal, sie lehrt den einzelnen: „leide, dulde, so ist es Gottes Wille.“ Indem der Cheder, auch der ideale, die Religion zur Seinsgrundlage macht, so wird er Menschen der Beschaulichkeit, der Inaktivität, ohne seelischen Stachel, ohne Elan des Lebens erziehen. Solche haben aber in dem neuen Russland keine Daseinsberechtigung. Diese Argumentation wird viele bestechen, ja in der Räterepublik gegnerischen Ländern wird man darin sogar eine Lobeshymne auf den Cheder erblicken. Es ist in der Tat eine Ironie des Golusschicksals, dass den Juden und dem Judentum von ihren Feinden so oft das Entgegengesetzte zum Vorwurf gemacht, dass die Weltrevolution uns zur Last gelegt wird; wir sollen angeblich das Ferment der D ekomposition — wie Mommsen sagte — das zersetzende Element, der Gärungsstoff innerhalb der Bevölkerung sein, und aller Radikalismus des Denkens und Handelns, die Unmöglichkeit des sich Abfindens mit den Gegebenheiten, die soziale Unruhe soll im Judentum seine Quelle haben. Niemand vergisst dem Schöpfer des Kommunismus Karl Marx seine jüdische Abstammung; Trotzki und Eisner und all die anderen sollen nicht obwohl, sondern weil sie Juden sind, die Führer der Umsturzbewegungen gewesen sein. Wer von ihnen hat nun Recht? Vielleicht keiner oder beide? Es gibt der Widerspruch der Anklagen viel zu denken. Sollte nicht das anormale Judenleid allein solche Einstellung, je nach Temperament und Artung der Individuen, bewirkt, die einen zum Nihilismus, zur Verneinung der Gesellschaft und ihrer Ordnung, zu bittrer Feindschaft gegen das Bestehende, die andren zum Verzicht, zur Entsagung, zu einer Flucht in eine Welt des Herzens und der Genügsamkeit geführt haben? Hat nicht einst beim Ueberhandnehmen des Römerjoches dasselbe Volk, dieselbe Religion die Zeloten und die Friedenspartei gestellt? Haben Johannes von Giskala und Rabbi Jochanan ben Sakkai, Bar Kochba und Rabbi Akiba nicht dieselbe Bibel gelesen, dieselbe religiöse Kinderschule besucht?