Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 415 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Der V/itebsker Prozess usw. 415 Wir können aber, wenigstens theoretisch, die Stellung des Judentums wohl fixieren. Brod hat in seinem Werke „Judentum, Christentum und Heidentum“ an einer Begriffsunterscheidung die Klassifikation der Religionen gegeben: an der unterschiedlichen Stellung zum edlen und unedlen Unglück. Die Welt ist unvollkommen. Es gibt nun Mängel und Leid in der Natur wie in der Gesellschaft, die durch fortschreitende wissenschaftliche Erkenntnis, durch Erhöhung der menschlichen Moral, durch verbesserte Gesetzgebung und soziale Einrichtungen bekämpft, vermindert und endlich abgestellt werden können. Diese nennt Brod unedles Unglück, das des Menschen Lebensglück trübt. Aber selbst wenn alles unedle Unglück überwunden, der beste Zustand der Menschengesellschaft erreicht worden ist, bleibt immer noch ein Rest von Unvollkommenheit des Daseins zurück. Er liegt in den Charakteren der Menschennatur, in den metaphysischen Uebeln der Welt begründet. Dies ist „edles“ Unglück es aufheben wollen, heisst aufhören; Mensch zu sein. Darin erblickt nun Brod mit Recht die Grösse des Judentums, dass es mit dem „unedlen“ Unglück sich nicht abfindet. Es fordert zum energischen Eingreifen in die Dinge auf, und lehnt es ab, die Zurech tbiegung des Krummen Gott selbst zu überlassen. Der gesamte Inhalt der Propheten ist nicht anderes als eine grosse Predigt gegen politisches und soziales Unrecht, als eia Aufruf zur Bekämpfung von Armut, Not, Unterdrückung, Machtmissbrauch und Gewalt. Selbstverständlich wird diese prophetische Forderung, durch die gesamte Kulturlage der Gegenwart dem Einzelnen tiefer denn je eingeprägt und eingeschärft, auch in der Chederschule der Zukunft erzieherisch ihre volle Bedeutung erlangen und ihre Früchte zeitigen. Wenn sie es bisher nicht in genügendem Masse vermocht haben sollte, so liegt e3 daran, dass die Grenzlinie zwischen dem edlen und unedlen Unglück variabel ist oder doch wenigstens dem Einzelnen veränderlich scheint. Es hängt diese Grenze doch offenbar auch davon ab, wie weit jeder die Reichweite