Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 411 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Witehsker Prozess usw. 411 nach anderen Massstäben als nach jüdischen misst, dass man einen von anderswo hergeholten Begriff der Religion dem Judentum zu gründe legt. Von der Geburtsstunde Israels an war seine Religion auf die breiteste Basis des gesamten Volkstums aufgebaut, war es die Zusammenfassung einer alle Gebiete des Seins und der Menschenbetätigung umspannenden Kultur. Es war nie eine Jenseitsspekulation, war nie eine kirchliche oder synagogale Weltfluchtsreligion. Es umfasste liebend die ganze Natur, Wald und Acker, Tier und Pflanze; es bejahte fröhlich und voll freudigem Optimismus alle Kräfte und Strebungen des Menschenleibes und der Menschenseele; es führte hinein in entschiedene Mitarbeit an aller kulturellen Arbeit, in Landbau, Gewerbe und Handel, in Gemeinschaft und Politik. Bibel, Talmud und Midrasch schwellen über von der Fülle des Lebens, von der frischen, gesunden Farbe und Kernigkeit wirklichkeitskräftiger Diesseitigkeit. Wenn der Cheder also eine jüdisch-religiöse Schule werden wird, dessen Lehrer nicht gegen das Sonnenlicht künstlich geblendet, aus der Welt nicht grausam ausgestossen sind, wenn er die Schule für eine Generation wird, deren geistige Funktion nicht in ständigen Kämpfen verfälscht wird, sondern ungehemmt und ungeschwächt sich selbst entwickeln kann, dann wird sie schon als Erzieherin zum Judentum ihre Zöglinge mit hinein in den Reichtum der Erscheinungen stellen und zur freudigen Teilnahme am Gesamterleben und -strebender gottdurchfluteten Wirklichkeit hinführen. Dann erst wird sich die Unerschöpflichkeit von Bibel und Talmud auswirken, weil man sie zu lesen verstehen wird, weil dann keine künstliche Schranke mehr da3 Ineinanderfliessen der jüdischen Lebenswelt mit der grossen Kultur gern einschaft der Völker verhindern kann. Im richtig verstandenen Judentum leuchten Himmel und Erde im gleichen Glanz wie sie der entschiedenste Monist nicht heller strahlen sieht. Die Chederschule der Zukunft ist also an und fiir sich schon keine Klosterschule, keine „zerkowne schkole*, sie wird