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Jeschurun · 1924-09-01 · Heft 9-10 (September 1924) · p. Seite 406

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 9-10 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 406 (sequence 18)
Language
German
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406 Der Witebsker Prozess usw. ward dem hohen Gerichte und der wartenden Menge zu — langweilig; Verteidigungszeugen wollten sie nicht hören; was die andren sagen würden, wusste jeder voraus, also wozu noch? Man brach die Zeugenvernehmung voreilig ab. Lieber die Sachverständigen hören, die brachten doch ein höheres Niveau hinein; grundsätzliche Erwägungen, grössere Zusammenhänge, geordnete Schilderungen. Und nun kommt eine peinliche Ueberraschung! Die Verteidigung bringt einen Experten, einen Rabbiner, Herrn Melamed, und dieser hat wirklich etwas zu sagen, er kommt mit schwerem Geschütz, mit pädagogischen Autoritäten der Völker, mit wissenschaftlicher Formulierung seiner Thesen. Er lenkt den Blick von der Aussenseite und dem Scheine ins Innere, ins Wesen, an den Kern des Cheder, dass sein Lehrpensum doch nicht so einseitig orientiert sei, dass es eine Gesamtkultur des Judentums, nur unter religiösem Gesichtswinkel umfasse; er zeigt, dass die Melamdim doch nicht aller Pädagogik har seien, wenn ihre Psychologie auch nicht in der Universitätsterminologie einherstolziere und ihre Didaktik mehr experimentell, aus der grossen Beherrschung des Stoffes erwachsen ist. Er bricht eine Lanze für das verpönte Hebräisch, in seiner ideellen Bedeutung für die Nationalkultur der Juden; er führt die Leistungen des Cheder im Laufe der dunklen Leidensgeschichte Israels vor. Es droht eine den Gegnern gefährliche Wendung des Prozesses. Melamed weiss, ihn auf das Problem zurückzuführen, dem er angeblich gelten soll; nämlich der Frage vom pädagogischen Charakter des Cheder. Der kulturkämpferischen Tendenz, dem Jonglieren mit den Weltanschauungsfragen will er einen Riegel vorschieben und weigert sich beharrlich den Anklägern in religiösen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Diese versuchen verzweifelt, ihn hierin aufs Glatteis zu führen; sie möchten zu gern einige dogmatische Bekenntnisse ihm entlocken, die sie dann, als unwissenschaftlich, vor ihrem Publikum gegen ihn ausschlachten könnten. Umsonst, Melamed bleibt stumm. Die Ankläger müssen hier ihr wahres Gesicht am deutlichsten enthüllen. Der Expert antworte nicht, so wenden sie den Spiess

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