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Jeschurun · 1924-09-01 · Heft 9-10 (September 1924) · p. Seite 405

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 9-10 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 405 (sequence 17)
Language
German
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Der Witebsker Prozess usw. 405 ungebrochenen Naivität sind sie Meister der Rede, feurig, hinreissend, revolutionäre Vulkane. Was dem historisch denkenden Menschen vielleicht eine tragische Notwendigkeit ist: der Bruch mit der Gegebenheit, der Ordnung, dem Gewordenen, das ist ihnen höchste Lust und Beglückung. Die Revolution als solche ist ihnen Ideal, ist ihnen letzte seelische Einstellung. Daher sind sie alle nur gefühlsmässig orientiert, sie wollen keine Objektivität, sie wollen starkes Hassen und Lieben. Mit der Psychologie der Jugendlichkeit, der Kinder stürzen sie sich auf die Probleme, mit ihrem Illusionsbewusstsein Licht und Schatten nach ihrem Herzen verteilend. Darin sind sie weitaus sympathischer als die Inquisitoren des Mittelalters, die uns als kalte Henker, als kühle Rechner vor Augen stehen. Die Bolschewisten haben die Grausamkeit der Kinder, die einstigen Ketzergerichte die Herzlosigkeit von Greisen (die ja nach dem Talmud deshalb nicht kriminelle Richter sein dürfen). Das Recht ihrer Subjektivität fühlen sie durch kein Gesetz, keine ,Bindung“ (religio), keine Skrupel eingeengt. Darum walten sie mit der Schrecklichkeit des Sklaven, der seine Ketten bricht, mit der inneren Genugtuung einer süssen Rache an der Vergangenheit, an der Geschichte. Die Pose ihres Titanentums hat gewiss etwas Spielerisches, aber weil sie jung sind, auch etwas Prächtiges. Daher macht der ganze Prozess mehr den Eindruck, wie ihn wohl das römische Publikum * genoss“, wenn in der Arena jemand dem Löwen vorgeworfen wird, als wie ein Autodafe, als der Beilis- oder Dreyfusprozess. Unter dem Zeichen einer Auseinandersetzung von Jugend und Alter, von Augenblick und Ewigkeit, von Gegenwart und Geschichte steht die ganze Verhandlung. Was den Anhängern des Cheder nach dem Berichte fehlt, das war die Frische, das Suggestive der Jugend, das Reizvolle und Packende des Neuentdeckten. Das brachte sie in diesem Ringkampf ins Hintertreffen. Aber Mangel an Grazie ist keine Belastung vor dem Stuhl der Gerechtigkeit. Die chedergegnerischen Zeugenaussagen gingen wie am Schnürchen; wie Phonographen plapperten alle dasselbe. Es

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