Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 404 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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404 Der Witebsker Prozess usw. ganzen Prozesses. Der Anklage wird breitester Spielraum gewährt, der Verteidigung überall Fessel angelegt, und als diese das Vorgehen des hohen Gerichts als mit dem Regeln prozessualen Verhandelns nicht verträglich rügt,' erklärt der Herr Vorsitzende kaltblütig namens der Richter: „Ein revolutionäres Gericht ist an keine prozessualen Formen gebunden. Echt wie in einem Sensationsprozess nimmt das „vieltausendköpfige Publikum“ in allen Phasen der Verhandlung leidenschaftlich Stellung, rauschender Beifall lohnt den Chedergegner, eisige Verachtung gilt den Verteidigern. Was die Zeugen der Anklage betrifft, so ergibt sich beim ersten Blick, dass sie ihre Recherchen mit fertigem Urteil in der Tasche gemacht, dass, wie der Verteidiger richtig bemerkt, sie als „Spione“, als Detektive in die Chadorim gingen, nicht als „neutrale“ Beobachter. Was sie erzählen, richtet sich selbst als Uebertreibung und Verzerrung. Es ist Anekdote, Ausnahme, es ist oft zu schauerlich, um typisch zu sein. Es ist z. B. auch in Deutschland viel zu viel geprügelt worden, aber deshalb war der deutsche Schulmeister noch lange kein Sadist. Es hatten auch noch andre Augen Chadorim gesehen, fremde, uninteressierte: haben sie etwa solche Schauermär erzählt? Die Aussagen dieser Zeugen strotzen von unberechtigten Verallgemeinerungen und haften an der Oberfläche, ohne ins Wesen der Sache einzudringen. Das ist überhaupt ein interessanter Charakterzug in der gesamten Mentalität dieser heissblütigen Chedergegner. Aus ihnen spricht ein echtes Bildungsparvenütum, sie kommen sich in ihrer gewaltigen Bildung einfach wie ein höherer Typ Mensch, wie Uebermenschen vor. Eben weil sie sich dieses Wissen im Kampf und Gegensatz zu ihrer all gemeinen Umgebung erworben haben, so sind sie echte Dogmatiker des Neuen, infallibel, absolut geneigt in der Unanfechtbarkeit ihrer neuen Theorien. Sie begeistern sich am Rausch der Schlagwörter, der modernen BegriffsbilduDgen, ein Phrasenrausch umnebelt sie förmlich. Ueber Trivialitäten und Selbstverständlichkeiten reden sie hin und her, um „die Wissenschaftlichkeit“ ihres Denkens zu demonstrieren. In ihrem Jiddisch mit seiner