Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 400 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Der Witebsker Prozess usw. der „ antirevolutionären balbattiscben (Bourgeoisen) Klassenherrschaft die mit dem „Bluff vom lieben Gott“ und den Träumen vom Olam Haba die Menschen von ihren berechtigten Diesseitsansprüchen fernhalten und ihren Geist mit Nebeldünsten eines himmlischen Paradieses umnachten wollte. Und schon verdichtet sich der Spott zu dem schnellfertigen Urteil: so sieht der Inhalt der weltfernen, in ein Jenseits gehörenden Disziplinen aus, mit denen im Cheder die arme Jugend geplagt wird, anstelle der lebensfrohen Wirklichkeitserfassung, die in Räteschulen das Ziel von Lehrenden und Lernenden ist. Da ist es nicht weiter zu verwundern, wenn wir in diesem Prozess alle Argumente der Eisenmenger und Justus, der antisemitisch völkischen Bibelwissenschaft eines Fritzsch und Dinter aufgetischt sehn. Oft lesen sich die Protokolle von Witebsk nicht anders wie die Verhandlungsberichte vom Beilisprozess oder der odiosen Leipziger Verhandlung über die Gotteslästerung des Hammerredakteurs. Der Zweck, der Religion eins auszuwischen, heiligt den Jesuiten des Atheismus die Mittel. Diesem eigentlichen Zwecke ist der Cheder nur Vorwand, diesen letzten Tendenzen soll die Animosität gegen den Cheder nur Vorspanndienste tun. Denn längst zieht sich ein Sehnen der Verbesserung und Ausgestaltung des Cheders durch die russische Judenheit. Mit * ihrem Ringen nach besseren Lebensverhältnissen, nach bürgerlicher und wirtschaftlicher Befreiung ist der Wunsch nach einer fehlerfreien, methodisch und didaktisch, hygienisch und ästhetisch vollkommenen Chederform auf das engste verbunden. Beides war, solange die Kosakenknute Russland beherrschte, zum Misslingen verurteilt beides konnte nur in wenigen Anfangserfolgen sich auswirken. In der Chederentwicklung führte es zur Schaffung des Cheder Messukan, des „reformierten Cheders“, der sich wenigstens in den Hauptzügen psychologische Gesichtspunkte für den Stoffverteilungsplan und methodische Fortschritte für den sprachlichen Unterricht zu eigen machen konnte. Zu einer weiteren immanenten Evolution fehlte es an sachverständigen Köpfen ebensosehr wie an äusseren Mitteln. Die Krank-