Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 397 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Witebsker Prozess usw. 397 vate Chadorim (balbatische Chadorim). Einträglich war das Lehrerh and werk nicht; noch nie konnten gute Schulen sich selbst ohne die Steuermittel des Staates erhalten; private Anstalten mussten überall ihren pädagogisch-technischen Standart herabsetzen. Hier in den Chadorim machte sich natürlich die Armut in noch viel höherem Masse breit, in kleinen Ortschaften nahmen die Melamdim ihre eigenen engen und schlechten Räumlichkeiten zu Schullokalen, ein heilloses Durcheinander von familiärer Wirtschaft, und Unterrichtswelt schaffend. Der hygienische Zustand, das Aeussere der Räume wurde mehr und mehr vernachlässigt: kein Bild, kein das Auge erfreuende Verzierung, kein Schulhof, keine Lehrmittel! Da es geschulte Lehrkräfte nicht gab, so ward die Chederschulmeisterei, die Melamdimtätigkeit oft der letzte Rettungsanker anderswo verunglückter Existenzen, wie Friedrich der Grosse seine ausgedienten Unteroffiziere noch immer gut genug zum Schulmeistern hielt. Kurz wie die zarische Unterdrückung dem Juden eine Knechtsgestalt aufgedrückt hatte, so bot auch der Cheder den Anblick aller Wunden und Krämpfe und Einengungen des Ghetto dar. Nur die ewige Frische und Kraft der religiösen Bildungswelt konnte allen diesen Hemmungen zum Trotz die Juden des Ostens vor Barbarei und Verdummung bewahren. Das Wunder aller Wunder vollzog sich: in dieser Enge des Cheder, in diesen aller Pädagogik und Hygiene entbehrenden lichtlosen Schulräumen ward eine Judenschaft erzogen, die an natürlicher Intelligenz, an geistiger Beweglichkeit, an seelischer Elastizität und für alles erregbarem Interesse uns deutsche Juden immer wieder in Erstaunen versetzt; aus diesem Milieu ging eine Unmenge von Begabungen hervor, die sich den Weg zum Licht zu bahnen wusste. Als ich 1915 von der Militärverwaltung Ober-Ost den Befehl erhiel, in Kowno ein jüdisches Gymnasium für den Rest der dort verbliebenen Bevölkerung zu gründen, da setzte sich die gesamte bis 800 Zöglinge zählende Schülerschaft aus Kindern der untersten Stände, von Handwerkern, Kutschern, Arbeitern zusammen, die bis dabin den Cheder besucht batten. Alle meine dort beschäftigten christlichen Kollegen, „Militäroberlehrer“, Pro-