Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 398 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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398 Der Witebsker Prozess usw. fessoren deutscher Gymnasien, wussten sich vor Erstaunen nicht zu lassen, mit welcher Leichtigkeit und Schnelle diese Kinder in die moderne Bildung, in Sprachen und Mathematik hineinwuchsen, so dass wir innerhalb 5 Jahren das erste Abiturientenexamen unter Anerkennung der neuen litauischen Regierung abnehmen konnten. Welche ungeheure Kraft der geistigen Schulung musste also — so hätte jeder Einsichtige und Unvoreingenommene urteilen müssen — den Lehrstoffen des Cheder, den jüdischen Quellenschriften innewohnen; wenn ohne fachmännische Pädagogik, wenn ohne alle Hilfsmittel geschulter Unterrichtstechnik solche Erfolge sich erzielen Hessen? | Aber die Sowjetmänner urteilen anders. Aus der Not des-Cheder machen sie ein Verbrechen, aus den historischen Zufällen eine Absicht. Die Religion ist schuld, dass der Cheder herunterkam, was die Brutalität des Despotismus erzwungen hatte, sollte Wunsch und Plan der religiösen Führer, der Rabbinen und Vorsteher (Gabboim) gewesen sein. Zur Knechtung und Niederhaltung der jüdischen Massen hätten die Bourgeois, die Reichen unter den Juden, diese Schulform ausgebildet; alle ihre Fehler und Mängel, alle Missgriffe und Torheiten veralteter Melamdim, alle werden zu Anklagen gegen die jüdische Religion ausgedeutet. Es sind nicht Zufallsgebreehen eines künstlich degradierten | Cheder, nein es sind charakteristische Merkmale, wesentliche i Kennzeichen des Cheder, sie sind Ausdruck de3 religiösen Erziehungssystems, das daher mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden muss. Wie Moses Mendelssohn sich einmal bitter ausdrückte : ihr schlagt uns die Füsse ab und macht uns zum Vorwurf, dass wir nicht gehen können, so hat man den Cheder mit Grausamkeit zum Krüppel geschlagen, und jetzt macht man ihm es zum Vorwurf, dass er die Existenzberechtigung nicht habe, weil ihm Form und Schönheit, Licht und Wärme fehle. Kein grösseres Gaudium für das Parquett im Witebsker Stadttheater als an dieser Hässlichkeit des Cheder die Religion und ihre Vertreter, die „Bourgeoisie“ und ihre Machthaber entlarven zu können; kein grösserer Triumph der menschenbe-