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Jeschurun · 1924-09-01 · Heft 9-10 (September 1924) · p. Seite 396

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 9-10 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 396 (sequence 8)
Language
German
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396 Der Witebsker Prozess usw. der Dorfschulmeister und der Herr Professor, weil er wie sie Stunden, Tage, Wochen und Jahre lang von den Kindern unter die kritische Lupe genommen, beobachtet, nacbgeäfft, karrikiert worden ist. Wer nicht über seine Lehrer gelacht und geweint hat, der hat nie eine Jugend gehabt. Psychologisch interessant ist nur die Tatsache, dass jede nachfolgende Lehrergeneration sich einbildet, ihrerseits den „alten Schulmeister“ überwunden zu haben, ihre Karrikatur nicht mit sich zu schleppen. Jeder Lehrer von heute lacht mit über den Lehrer von gestern, als ob man morgen nicht über ihn lachen würde. Darum braucht nur das Thema vom alten Schul- und Lehrertyp angeschlagen zu werden, so ist das Parterre von Lachern sicher. Daher gab es von vornherein kein günstigeres Objekt für den Witebsker Prozess als — die religiöse Schule. Aber der Cheder bietet noch ganz besondere Angriffsflächen, seine Gegenwartsgestalt eignet sich in noch weit höherem Masse als andere Schulen zur Volksbelustigung. Der Cheder hat echte Golusgestalt, alles bittere Leid der östlichen Judenheit hat sich in ihm ausgewirkt. Der Zarismus hatte alle seine Politik auf die Verelendung der jüdischen Masse gerichtet, nicht etwa nur auf die politisch-ökonomische, nein vor allem und in erster Reihe auf ihren geistigen Niedergang. Aus den öffentlichen Schulen schloss man die Juden aus, ihre eignen tiberliess man sich selbst. Die jüdischen Gemeinden, fast ganz ohne Steuerrecht und -Kraft, konnten keine vornehmenSchulgebäude aufrichten; Anstalten zur Bildung und Ertüchtigung von jüdischen Lehrern fehlten ganz. So blieb das Unterrichtswesen der Privatinitiative überlassen, mit der wachsenden Verarmung in immer primitivere Formen zurücksinkend. Die zarische Regierung verbot mit teuflischer Berechnung am, Cheder jeden Profanunterricht, so verengte sich das Programm und konnte nur die religiösen Disziplinen: Bibel und Talmud umfassen. Die immer grösser werdende Zahl der Mittellosen im Ansiedlungsrayon zwang die Gemeinden, ihre Schuleinrichtungen nur auf die ärmeren Klassen zu beschränken (sogenannte Talmud- Tora-Schulen). Die Wohlhabenderen gaben ihre Kinder in pri-

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