Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Witebsker Prozess usw. 895 Aber warum gerade dieser, warum nicht wie zu Nachmanis Zeiten die jüdische Religion selbst? Denn das ist jedem, der nur wenige Seiten des Prozessberichtes liest, sonnenklar: man schalt die Tochter und man meinte die Mutter; man richtete den Cheder und wollte doch nur die Religion selbst treffen. Das Judentum als geistige Macht, als religiöses Bekenntnis sollte erniedrigt, gedemütigt, mit Schande und Spott bedeckt, als Fetischismus und Aberglauben der Verachtung preisgegeben werden, als man über Lehrpensen und Methoden des Cheder die Zeugen ausfragte. Warum schob man einen falschen Angeklagten vor, warum ward der Cheder der Sündenbock des Judentums? Das war in der Tat ein Taschenspielerkunststück höchsten Raffinements, das war ein Arrangement, das den Regisseuren alle Ehre macht. Der Cheder ist eine Schule; seine Lehrer, die Meiamdim, Schulmeister. Solange es eine Schule gibt und Kinder in Massen unterrichtet werden, solange die Erziehungskunst ein Künstlerhandwerk ist, das richtig nur von wenigen Auserwahlten geübt wird, solange gab die Schule und ihre Vertreter Stoff zu Klage und Spott, zeigte sich in ihren vier Wänden menschliche Schwäche und Fehlerhaftigkeit. Wer hätte nicht über seine Schulbank lustige Schwänke, von seinen Magistern Eigenheiten und Schrullen zu berichten? Wer wüsste nicht von Schulleiden und Aengsten, von Lebrertyrannei und Ungerechtigkeiten zu erzählen? Die ganze moderne Romanliteratur ist von ihr voll, und seit Laubes „die Karlsschüler“ ist in immer neuer Version das Drama der Neuzeit bestrebt, den Lehrern ihren Spiegel vorzubalten. Wollte man alles Zusammentragen aus Biographien und Zeitschriften, aus Wahrheit und Dichtung, was alles der Schule und den Schulmeistern angehängt worden ist, es gäbe eine ganze Bibliothek. Weil sie die Kinder gezüchtigt, ist die Schule ganz eigentlich der „Prügelknabe“ aller Kultureinrichtungen geworden. Warum sollte der Cheder eine Ausnahme machen? Auch über ihn haben jüdische Schriftsteller im späteren Leben ihre lachenden Tränen geweint, ihren rächenden Spott ergossen. Auch der jüdische Melamed ist eine komische Figur, so gut wie