Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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894 Der Witebsker Prozess usw. schaft zu verantworten? Kein berühmter Raubmörder oder Defraudant, kein politischer Aufrührer oder Reaktionär, — ein Unsichtbarer wurde hier vor den Richter zitiert. Der Angeklagte war die alte im religiösen Judentum begründete Schule — der Cheder. Der neue Geist der revolutionären Sowjetbewegung, der um die Erde zu erobern, den Himmel stürmen will, der aus seiner hypermaterialistischen Welt-und Lebensauffssung heraus gegen alle Institutionen „metaphysischen“, religiösen, nichtweltlichen Geistes Sturm läuft, wollte im Stadttheater zu Witebsk den Cheder zu Tode verurteilen als das Symbol und die Verkörperung des Ewig-alten, des Antirevolutionären, des Traditionellen, des religiösen Judentums. Ein Autodafe mit negativem Vorzeichen, ein richtiges Ketzergericht gegen die Feinde der alleinseligmachenden Sowjetrevolution. Ins Mittelalter fühlt man sich versetzt, in die Zeiten der Religionsdisputationen von Paris, Barzelona und Tortosa. Wie in jenen dunklen Tagen muss das arme Judentum vor den Mönchen ohne Kutte, den Priestern ohne Kreuz und Sakrament sich verantworten und rechtfertigen. Alles ist wie damals, dieselbe Unduldsamkeit, dieselbe prahlerische Selbstgewissheit der Herren Kleriker des Atheismus, dieselbe Urteilslosigkeit der areligiös gläubigen Menge. Sie waren gute Schüler ihrer mittelalterlichen Lehrmeister, diese modernen Grossinquisitoren; sie wissen ihr Opfer schuldig zu machen. Die Narrenkappe setzen sie dem Angeklagten auf, damit er, wie Schiller sagt, in seiner Lächerlichkeit nicht zum Mitleid rühren könne, Zuschauer und Hörer sollen das Nachdenken vergessen, darum muss die Komik der Situation, das fratzenhafte Zerrbild des* zu Verurteilenden die Nerven angenehm kitzeln. Wenn das Volk sein Vergnügen hat, dann fragt es nicht nach Logik und Gerechtigkeit. So war die Bühne als Ort der Handlung recht glücklich gewählt, um ein Zugstück voll prickelnden Reizes über die Bretter gehen zu lassen. Nichts tötet so sehr wie die Lächerlichkeit. Darum sollte im Witebsker Stadttheater in majorem gloriam der endlich wiederentdeckten und befreiten Sowjetvernunft der Cheder durch seine Lächerlichkeit getötet werden.