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Jeschurun · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 379

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 379 (sequence 73)
Language
German
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Eine neue Auffassung des Shylock 379 auch in Shylocks Bild Züge verwoben, die seinen meerestiefen Christenhass menschlich begreiflich machen, (s. Näheres darüber in Heine, Shakespeares Mädchen und Frauen). Aus diesem im Unterbewusstsein schlummernden Hass des Andersseins als die Christen motiviert sich am zwanglosesten n. m. A. Shylocks Verhalten bei dem Vertragsabschluss und der Verpfändung des Pfundes Menschenfleisch: Shakespeare will vorläufig Shylocks Absicht im Dunklen lassen, sein Hass ist noch latent, nicht aktiviert, vielleicht meint er es ernst damit; vielleicht auch nicht, Shylock spielt mit dem Gedanken, schon dieser Gedanke, Herr über Leib und Leben seines Gegners vielleicht werden zu können, macht ihm Freude, ist ihm Genuss. Dann erst, als die Christen (SbylockgeneralisiertdenChristen gegenüber, wie diese es seinem Stamme gegenüber tun) ihm sein Letztes, seine Tochter und seinen Reichtum, weggestohlen haben, wird er zum Vabanque-Spieler der Rache, sein Hass lodert auf und gigantisch wächst seine Lust an den Qualen des Gegners. Nunmehr ist er Rächer seines Stammes, nicht mehr Vertreter kleinlicher Eigeninteressen, sondern Vertreter des geschändeten Rechts. ״Auf seiner Seite steht das höhere Recht״. (Wolff, Shakespeare I, S. 347.) Kein Tropfen Erbarmen, kein Menschgefühl, keine Gnade hat mehr Platz in ihm, sie sind sinnlose Begriffe für ihn geworden, und wir begreifen und schmecken seine Galle, und wir beginnen zu schwanken, welcher Seite wir unsre Sympathie zuwenden sollen. Bis schliesslich seine bis ins Grobschlächtige getriebene Grausamkeit in der Gerichtsszene ihm unsre Sympathie entzieht und sie den anderen, den aufs Blut Gequälten zuwenden lässt, dass wir froh sind über den Advokatenkniff Porzias. So ballspielt der grosse Menschenbildner Shakespeare mit unsren Gefühlen, um uns mit erleichterter Brust im letzten Akt ins Gefilde der Seligen, ins Lichtreich Porzias, ins Sphärenreich der Musik und der ewigen Harmonien einzuführen. Der Himmel hat sich aufgetan, die Wetterwolken sind verflogen, Gefahr und Alpdruck waren unwirklich, ein Traum (wie immer in Shakespeares Lustspielen) ist es gewesen, aber lehrreich und sinnvoll wie tiefstes Erleben.

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