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Jeschurun · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 378 (sequence 72)
Language
German
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378 Eine neue Auffassung des Shylock Entfaltung, das Bewusstwerden seiner Charakteranlagen. Er wird Bluträcher seines Hauses, Priester seiner Rache, Besessener seiner Idee. — Wie kam Shakespeare dazu, den Juden 80 har aller menschliehen Regungen, als so liebeleer zu zeichnen? Für Shakespeare, als Kind seiner Zeit, ist Shylock der Vertreter des düstern Ghetto Volkes, ausgeschlossen von den schwebenden Himmelsphären, der Nurverstandesmensch, dem Licht, Freiheit, schwebende Schönheit, phantasievolles Denken ein ewig verschlossenes Reich sind, ״der Nichts-als-Jude, der Repräsentant seines Volkes, der Erbe, der alle Unterdrückung, Misshandlung, Beschimpfung und Schmach in seinem vergifteten Blute kochen fühlt״. (Landauer 1. c., S. 77) Für Shakespeare und seine Zeit war ein Jude ein seltenes, seltsames Wundertier, ein Wesen, das gedrückt und missachtet, missgestaltet und durch seltsame Kleidung gezeichnet, vereinzelt durch die Strassen von London schlich1). Shakespeare sah sie nur in Einzelexemplaren, niemals und nirgends aufrecht schreitend, kaum geduldet, nirgends ihres Wertes und Stammes stolz bewusst — und so hat er einen Typus aus diesem Volksstamm geschaffen, als unfrohen Menschenfeind, als Schrecknis, als fluchend Verfluchten, zu ewiger Finsternis Verdammten. So hat Shakespeare den Juden Shylock gesehen und so will er ihn uns sehen lassen. Und dennoch weckt der grosse Menschenschöpfer Shakespeare in dem Beschauer tiefstes Mitgefühl und Erbarmen für den Juden, dennoch wächst Shylock stellenweise zu höchster menschlicher Tragik, die mehr als alle übrigen Charaktere unsere Teilnahme erregt. Wie bei der Zeichnung Richards III., des grössten Verbrechers auf dem Throne, Shakespeare uns zeigt, wie Natur und Schicksal zusammen ge wirkt, um diese Seele so zu verkrüppeln (vgl. den Monolog Richards zu Beginn des gleichnamigen Dramas, aber auch schon seine Verteidigungsrede in Heinrich VI, Teil 3, Akt III, 2. Szene!) — so hat Shakespeare *) Thomas Coryat nennt in den ״Cnidities“ 1611 die englischen Juden ״weatherbeaten and warpfaced“ (verwittert und windschief)s zitiert bei Woiff, Shakespeare, Bd. I. Anmerkung zu S. 344.

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