Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 377 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine neue Auffassung des Shylock 377 entpuppt!). Ist Shylock vorher des edlen Verzichts, der Hoffnung, der Mitfreude an einer Guttat fähig gewesen, dann kann er sich durch eine Tat, die Antonio selbst nicht verschuldet nicht in ein Monstrum verwandeln, plötzlich ohne Uebergang, und dann wäre auch der wundervolle Appell Porzias an die Gnade nicht wirkungslos an seiner Eisenbrust abgeprallt. Eine solche Wandlung von Mensch zu Unmensch, von Gut zu Böse hätte der grösste Bühnentechniker Shakespeare uns wenigstens durch einen Monolog Shylocks glaubhaft gemacht. Nur eingewurzelter und langgehegter Hass (schon vorher spricht er zu Jessica vor seinem Gang zum Abendessen: Sie bitten mich nicht aus Liebe, nein, sie schmeicheln mir; doch ich will gehn aus Hass, auf den Verschwender von Christen zehren״ II, 5) kann zu solcher Weissglut der Leidenschaft und Inbrunst des Rachegefühls angefacht und emporgetrieben werden. In unseren Augen stellt sich das Charakterbild, Shylocks so dar: Shylock ist ein Gezeichneter, Gebannter von Anfang an, dem Shakespeare tragische Grösse, tragische Wesenszüge, reckenhaft repräsentatives Ausmass wohl verleiht, in dessen Brust aber Menschlich-Mildes, Inniges längst erstorben ist. Sentiment haben die Christen durch ihre Behandlung längst ihm ausgetrieben, und auch der letzte Rest von Menschenwürde und Familienfreude wird durch die Entführung seiner Tochter in ihm ertötet. Er liebt die Christen nicht, hat sie niemals geliebt, und wirbt auch nicht um ihre Gunst und gute Meinung. Einzelne Christen hat er Grund zu hassen, wie Antonio, wie die christliche Gesellschaft von Nichtstuern, die wohl schon manchesmal auf seine einzige Tochter Jagd gemacht haben mögen. Es ist ein mehr dumpfer Hass des Unfreien gegen die Freien, Sonnenbegnadeten, ein inaktiver, instinktiver Hass. Erst als die Freveltat geschehen, sein Kind, seine Dukaten, sein Lebensgut ihm gestohlen wird, da lernt er dämonisch kollektivisch hassen, da steigert sich sein Hass bis zum Elementaren, er wird zum berechneten Dämon der Grausamkeit, der seinen Feind zur Strecke bringen will. Dies ist die Grösse, die Konsequenz, die