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Jeschurun · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 375 (sequence 69)
Language
German
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Eüae neue Auffassung des Shylock 87 i rufen! Was gab Shylock, dem feinen Rechner, das Recht, die Christen für so naiv, für so dumm und leichtgläubigzu nehmen? Somit ist die* Auslegung, dass Shylock sich schmeichelte, durch einen Akt der Grossmut sich sofort die Christen zu Freunden zu machen, zumindest sehr unwahrscheinlich. Aber noch eine andere Auslegung ist möglich, aber sehr fragwürdig: Shylock dachte vielleicht nicht an eine sofortige Erwerbung der Freundschaft der Christen, sondern später erst sollten sie seinen Edelmut bewundernd erkennen. Denn entweder sollte Antonio das Geld in der vereinbarten Frist von drei Monaten ohne Zinsen zurückbezahlen, oder, wenn dieser es wider Erwarten nicht könnte und die Bedingung mit dem Pfund Fleisch akut zu werden drohte, dann würde Shylock als grossmütiger Wohltäter auf sein Recht verzichten und feurige Kohlen auf Antonios Haupt sammeln. Diese Annahme würde aber Shylock ein Doppelgesicht verleihen, das sicher auch der dezidierteste Lobredner und Philosemit als dem Geiste der Dichtung widersprechend erklären muss: Wir hätten dann zuerst einen Shylock den Edelmenschen und geheimen Menschenfreund, der es darauf anlegte, das Vorurteil der Christen gegen die jüdischen Wucherer im allgemeinen und dieses Christen Antonio im besonderen durch eine edle Grosstat zu widerlegen und vor der venezianischen Kaufmannswelt seinen Namen zu rehabilitieren. Dies wäre der edle, der reine, der Erlösung fähige Shylock. — Das andere Gesicht Shylocks wäre das, welches er nach dem Raube der Tochter uns zeigt, das niedrigverzerrte, triebhafte, von Geldsucht und Raffgier beherrschte, nach Menschenblut lechzende Werwolfsgesicht — eine wahrhaft furchtbare, unglaubliche Metamorphose! Wer gibt uns das Recht, solche auf die Güte und die Rührung der andern berechnende Taten hinter Shylock in Shakespeare’scher Darstellung und Beleuchtung zu vermuten? Ist diese Doppelnatur bei Shakespeare motiviert und überhaupt denkbar? Warum sehen wir keinen einzigen aus Shylocks Umgebung, ob Jud oder Christ, der ihm eine solche Tat der Grossmut, solch menschliche Regung zutraut, keinen, der ihm menschlich näher stünde? Warum spricht er mit Jessica,

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