Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 374 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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874 Eine neue Auffassung des Shyloek auf? Nun, jeder nach seinem Temperament: Antonio, der alternde Junggeselle und Melancholiker, dem das Leben eine gleichgiltige Last ist (8. seine Erklärung in der 1. Szene des 1. Aufzugs) besinnt sich keinen Augenblick und ist zur Unterschrift bereit; Bassiano, der Sanguiniker, der mit allen Poren dem Leben Zugewandte, erahnt die furchtbare Gefahr und die infernalische Tücke des Juden, und er spricht: ״Ihr sollt für mich dergleichen Schein nicht zeichnen, Ich bleibe dafür lieber in der Not“ (I, 3). Doch umsonst warnt er den Freund, dieser bleibt bei seiner Bereitschaft, den Schein zu zeichnen, teils weil er Leben und Geld und alles, was sie im Gefolge haben für gering achtet, teils weil gerade er als Kaufmann berechnen kann, wie winzig gering die Möglichkei t eines Fehlschlags aller seiner kaufmännischen Unternehmungen und wie gering demnach die Realisierbarkeit von Shylocks hinterlistigem Racheplan ist. Nun fragen wir wieder: Kann man nach dieser vorsichtigen Prüfung der einen Szene eine bloss scherzhafte Laune von seiten Shylocks bei der Aufstellung der Vertragsbedingungen annehmen? Ist es Shyloek bloss um ein phantasievolles Spiel, um die Schaustellung der grossmütigen Laune den christlichen Herren gegenüber zu tun, wie Zangwill uns glauben machen will? Klingt nicht der bittere Hassgesang Shylocks von den unsagbaren Demütigungen und unzähligen Fusstritten Antonios uns noch gellend in die Ohren? Klingt nicht Shylocks Hohnlachen von Anfang an unser Ohr, das uns seine ״liebreichen“ Vorschläge von dem zinslosen Darlehen an die Christenmenschen einzig als blutige tragische Ironie auffassen lässt? Dieser Verstossene sollte je um die Gunst der Christen bublen? Dieser von der lichtvollen Christenwelt ewig Ausgeschlossene sollte im selben Moment, wo er dem Todfeind seinen Todeshass ins Gesicht speit, den tollen Einfall und Anfall bekommen haben, ausgerechnet diesen Christen durch seine Grossmut zu besiegen und von seinen Vorurteilen zu heilen?! Und dieses durch ein Anerbieten mit seltsamen Zusatzbedingungen, die zumindest abenteuerlich und kaum Wohlwollen erweckend klingen und die auch sofort das Misstrauen und Uebelwollen der beiden Christen hervor-