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Jeschurun · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 370

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 370 (sequence 64)
Language
German
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370 Eine neue Auffassung des Shylock sinnlos wären. Denn sein Charakter sei ja schon von Anbeginn gegeben, voll Hass und Tücke, die Flucht der Tochter sei keine Steigerung seiner Leidenschafts-Intensität, sie spiele keine entscheidende Rolle in seiner Charakterentwicklung. — Tatsächlich hätten sich moderne Schauspieler immer mehr Freiheiten in der Darstellung der Shylock-Figur erlaubt, jeder grosse Schauspieler spiele seinen Shylock. Arthur Bourchier spielte nach der Nachricht von Jessicas Flucht eine stumme Szene, wälzte sich auf dem Boden, zerriss sich die Kleider und streute Asche auf sein Haupt; Matheson Lang lässt Jessica ihres Vaters Hand vor seinem Fortgang zum Abendessen küssen, auch gehe derselbe Darsteller über die heikle Stelle (13) mit leichtem Ton hinweg usw. (Schildkraut in Deutschland sang die Kol- Nidrei-Melodie vor sich hin, wie er als Shylock ahnungslos die Treppen zu seinem von seiner Tochter verlassenen Hause hinaufsteigt). Warum sollte;nicht jedes Zeitalter seinen Shakespeare neu interpretieren dürfen? Warum nicht diese widerspruchsvolle Stelle weglassen, nachdem für sämtliche modernen Darsteller Shylock zu einem tragischen Charakter geworden ist! Nur mit Ausmerzung des Bekenntnisses von dem eingewurzelten Hasse des Juden gegen alles Christliche am Anfang erleben wir die Tragödie des von den leichtlebigen Christenadligen beleidigten jüdischen Vaters in voller Tiefe und verstehen seine Wandlung zum dämonischen Hasser. Noch eine letzte Stelle gilt es für Zangwills Interpretation aus dem TVege zu räumen: Zangwills Freund, der englische Kritiker William Poel, führt gegen diese Auffassung von dem Doppelgesicht Shylock» ins Feld, dass Jessica vor ihren christlichen Freunden im Hause Porzias selbst hezeugt (III, 2), dass sie ihren Vater Shylock zu seinem Freunde *Tuba] habe sagen hören, (also vor ihrer Flucht!), dass er Antonios Fleisch lieber haben wolle als zwanzigmal den Wert der Schuldsumme. Somit habe Shylock schon vor dem Raube der Tochter die ruchlose Absicht bekundet! Zangwills Erwiderung auf diesen Ein wand ist, dass Jessica eine sehr unglaubw'ürdige Zeugin sei, sie sei der verächtlichste, denkbar unjüdischste

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