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Jeschurun · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 369

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 369 (sequence 63)
Language
German
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Ein© neue Auffassuug des Shylock 869 zur Zeit des Erscheinens des ״Kaufmann von Venedig“ der Prozess gegen den spanisch-jüdischen Konvertiten Rodrigo Lopez, Leibarzt der Königin Elisabeth, der Gönnerin Shakespeares, verhandelt wurde, der beschuldigt worden war, im Solde des spanischen Königs einen Giftmordversueh gegen die englische Königin gemacht zu haben. Das Ende des Prozesses war, dass dieser Jude wegen dieses Verdachts gehängt und gevierteilt wurde. Dies war die Sensation des Tages und schuf zu der Zeit einen rasenden Judenhass unter der Londoner Bevölkerung. So sei es denn, folgert Zangwill, nicht unwahrscheinlich, dass der kundige Verleger des Shakespeare-Stückes diese eine Stelle, wo Shylock generell seinem unstillbaren Hass gegen das Christenvolk Ausdruck gebe, absichtlichhineinpraktiziert habe, um den damals herrschenden Volkshass geschäftlich auszunutzen und dem Publiko den typischen blutgierigen jüdischen Wucherer vorzuführen, und zwar mit allen Schikanen und Nachtseiten, sodass auch kein Härchen Gutes an ihm übrig blieb. Diese eine Stelle war demnach eine Kon- Zession an den herrschenden Geschmack des Publikums, war nur ״zur Ergötzung des grossen Haufens“ (Heine) geschrieben. Aber Shakespeare bleibt Shakespeare, bleibt stets ״eins mit der Natur“ (Novalis), ein Genie, das nicht lügen konnte; und so sei trotz geifernder Volksungunst, dank dem Weltgeist, der in Shakespeare waltete, kein chauvinistisches Zerrbild des Juden zustandegekommen, sondern ein Bild, vor dem unser Mitempfinden auf Seiten des getretenen Juden stehe und die adligen Christenmenschen in Wahrheit auf der Anklagebank sitzen. Zangwill geht noch einen Schritt weiter: Er fordert geradezu, dass die obenzitierten Zeilen von dem unversöhnlichen Christenhass Shylocks für unser Zeitalter gestrichen werden müssen oder mindestens von der Bühne verschwinden, auch schon aus kunsttechnischen Erwägungen heraus. Denn wenn Shylock diese teuflische Rache gegen alles Heidnisch- Christliche von vornherein im Herzen und auf den Lippen trüge, vom künstlerischen Standpunkte die ganze Handlung von dem Raube der Tochter und alle seine nachherigen Leiden

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