Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 367 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Eine neue Auffassung des Shylock 367 hafter Anschlag auf Antonios Leben wäre die Spekulation kindisch, nicht eines Schuljungen würdig gewesen, viel weniger eines nüchtern berechnenden Finanzmannes. Antonio hatte, um die 3000 Dukaten zu decken, nicht weniger als vier Galeonen mit Waren unterwegs, und noch allerhand schwimmendes Gut, das sagt Shylock selbst von ihm (1,3). Die Wahrscheinlichkeit, dass all dieses Gut durch Schiffbruch verloren gehen würde, war unendlich klein. Man frage doch irgend einen Schiffsversicherungsagenten, was für Chancen da Shylock haben konnte, sein Pfund Fleisch je zu bekommen! Auch konnte Antonio schon auf den Kredit seines Namens hin mit Leichtigkeit von andrer christlichen oder jüdischen Seite die schuldige Summe geliehen bekommen. Es ist nur ein Irrtum unserseits, der Leser, Zuschauer, dass wir den Vertrag so ernst nehmen. Nur das Theaterpublikum, das schon weiss, dass der höchst unwahrscheinliche Zufall wirklich eintreten wird, liest die Bosheit des späteren Geschehens gleich in den zuerst harmlosen Vertrag hinein, und wittert schnaubenden Rachedurst, wo nur eine Ironie des hündisch behandelten Juden vorliegt, der grimme Humor eines sardonisch lächelnden Juden, der diese vornehmen Christenherrea dahin bringen will, sich vor seinem Geldsack zu beugen. Zu dieser Freude und Genugtuung an der Demütigung Antonios gesellte sich noch die menschliche Eitelkeit, und der Wunsch, die Liebe oder doch die Achtung dieser Christliehen Adligen zu erwerben. Shylock hat seinem langverhaltenen Groll gegen Antonio Luft gemacht, hat von der demütigenden Behandlung vonseiten Antonios auf dem Rialto frei erzählt, hat sein Herz erleichtert, und nun hält er den Moment für gekommen, diese Christengesellschaft durch seine Grossmut zu entwaffnen. Er fühlte sich geschmeichelt durch die mögliche Freundschaft der Venezianer — welcher Jude fühlte sich durch christliche Herablassung nicht geschmeichelt — und möchte sich jetzt auf einen Schlag gut mit ihnen stellen. Ja sogar seine gewohnte Zurückhaltung, mit den Christen an einem Tische zu essen, gibt er auf, er will mit Antonio und Bassanio zu Abend essen.