Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 364 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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364 Eine neue Auffassung des Shylock andere im Allzumenschlich-Schwächlichen das gewöhnliche Menschenmass überschreitend, — sie schreiten durch die Jahrhunderte mit Rätselaugen, und scheinen allen dialektischen Deutungskünsten ironisch höhnend sich zu entziehen. Wie viele Auffassungen haben sich schon an Shylock versucht[ Er ist bald geschmäht, bald gehudelt, bald lächerlich gemacht, bald zum Märtyrer gestempelt worden. Er ist kulturhistorisch, soziologisch, juristisch-dialektisch, symbolisch begreiflich gemacht worden. Er soll den Keim einer milderen Rechtsauffassung gegenüber starrem Formalismus und Buchstabenglauben enthalten. (Dies ist wohl die Quintessenz aller Formeln, auf die man Shylock und seine Umwelt bringen wollte, bis auf Heine und Gustav Landauer, die eine andere Auffassung vertreten; von letzterem wird noch zu reden sein). Man kann fast sagen: Jedes Jahrhundert oder Halbjahrhundert hat seinen neuen Shylock. Und immer noch locken Sbylocks Rätselaugen und höhnen des ״allerletzten“ Deutungsversuchs. ״Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt“, dies scheint Shylocks Schicksal zu bleiben; denn vielfach ist die Charakteristik Shylocks auch zugleich eine Charakteristik der Person des Verfassers, ein Spiegel der Leidenschaft und der Parteistellung, zu der sich der Beurteiler bekennt. — Man kann die Auffassungen über Shylock in zwei grosse Gruppen teilen: in die Shylock verteidigenden und verherrlichenden (apologetischen) und in die Shylock anklagenden und verurteilenden Auslegungen. Seit Heines Verteidigung (in ״Shakespeares Mädchen und Frauen“) überwiegt in der Literarkritik und auf der Bühne die apologisierende Beurteilung, und kein noch so judenfeindlich voreingenommener Kritiker wagt mehr den Juden Shylock als den leibhaftigen Bürgerschreck von Venedig, als die Verkörperung der ad absurdum zu führenden Geld- und Raffsucht auf dem goldglänzenden Untergründe des venezianischen Christenadels an die Wand zu malen.