Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 349 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Motive talmudisclier Gesetzgebung 349 der Thora konnte er wohl auch auf seine Auszeichnung im einzelnen Fall verzichten. An und für sich läge der Gedanke nahe, dass in einem Fall, in dem ein Priester und ein Thoragelehrter in Konkurrenz stehen, der Thoragelehrte zuerst aufgerufen werden sollte, weil ja die Krone der Thora nach jüdischer Anschauung — סרקי אבות ר ד — noch über der Krone des Priestertums steht. Aber dieser Verzicht steht dem Priester nicht zu und zwar nach den Bestimmungen der Weisen: ״ מפני דרכי שלוםmit Rücksicht auf die Wege des Friedens״. In der Oeffentlichkeit, beim Aufruf zur Thora, im Gotteshaus darf er einen solchen Verzicht nicht geltend machen, weil sonst Zank und Zwist entstehen könnte und der eine oder der andere — vielleicht im Hinblick auf eine nur eingebildete Gelehrsamkeit, — den Anspruch erheben könnte, nun gleichfalls an die Stelle des Priesters zu treten. Die Bestimmung ist also wirklich durchaus im Interesse der Erhaltung des Friedens zwischen den Menschen getroffen worden (Gittin V, 8). Bezüglich der Priester gilt auch noch (Mischna Schekalim 1,3) die Be- Stimmung, dass man sie ״mit Rücksicht auf die Wege des Friedens״ nicht pfänden dürfe wegen der Zahlung der für ganz Israel gleichmässigen Tempelabgabe des halben Schekel. Die Begründung für die Massregel lautet dahin, dass die Priester als die Vollzieher des wichtigen heiligen Gottesdienstes ein allgemeines Vertrauen in Anspruch nehmen dürfen, dass man überzeugt ist, dass sie ihren Schekel abliefern. Man verlässt sich auf sie, dass sie ihre Pflicht erfüllen. Eine Pfändung wäre ein eklatanter Beweis, dass man das Vertrauen zu ihnen verloren hat, und das würde natürlich dem Frieden sehr abträglich sein. Würden sie aber sogar unser Vertrauen nicht rechtfertigen, sollten sie tatsächlich den halben Schekel nicht abgeliefert haben, so würde das doch nicht schaden, weil der Gerichtshof hier die stillschweigende Voraussetzung gelten lässt, dass die Abgabe des halben Schekel durch ihren Opferdienst genügend kompensiert sei. Wir begeben uns nunmehr in das Gebiet des Zivilrechts, um dort den Umfang des Motivs מפני דרכי שלום kennen zu lernen.