Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 292 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Die Bussfertigen usw. tagen ausgegossen ist, kommt darin zum Ausdruck, dass der Mensch sich in seinem geistigen Wesen, in der Schwungkraft seines Fühlens, in dem erhabenen Flug, den seine Seele an diesen Tagen nimmt, gewissermassen verdoppelt fühlt. Und nun meint der Sohar: Dies Glück wird jedem Israeliten eben nur an besonderen Tagen zu Teil, dem Bussfertigen aber an jedem Tage. Es ist kein Zweifel, dass damit gesagt sein soll, der Bussfertige befindet sich dauernd in einem ganz anderen Aufruhr seiner Empfindungen, in einer ungewöhnlichen Steigerung seines Seelenlebens, von der sich der Fromme, der nie gestrauchelt, keine Vorstellung machen kann. Dieser wird aus dem Gleichmass der Tage nur in periodischen Abständen aufgerüttelt. Das Erscheinen der ausgezeichneten Tage hebt ihn erst über sich hinaus. Aber der Bussfertige hat ganz andere tiefere Erlebnisse hinter sich. Diese selbst sind es, die ihn nicht ruhen, nicht rasten lassen, die ihn täglich freilich durch die Bitternis der Erinnerung seines Abfalls gehen lassen, aber ihn zugleich auf jene Höhen der Gottesnähe führen, die er, durch Kampf zum Siege schreitend, errungen. Es wird allerdings ein Unterschied gemacht, welche Motive für die Busse ausschlagebend waren. Nicht als ob die Beweggründe im Judentum für den Wert einer Handlung allein entscheidend wären. So grosses Gewicht es auf die Gesinnung legt, so sehr hat es sich die gesunde Anschauung gewahrt, dass es vor allem darauf ankommt, dass das Gute auch wirklich geschehe, einerlei welche Motive den Förderer des Guten leiten. Wer Wohltätigkeit übt in Erwartung diesseitigen oder jenseitigen göttlichen Lohnes hat sicher nicht die höchste Stufe erreicht, aber sein Tun ist darum doch gut und lobenswert 14). Ebenso ist die die Rückkehr zu Gott auch dann von entscheidender Bedeutung für den Sünder, wenn sie unter dem Einfluss minder edler Motive sich vollzogen hat, etwa aus Furcht vor dem drohenden göttlichen Strafgericht. Aber viel höher steht der, der aus Liebe zu Gott Busse tut. Diese Unterscheidung zwischen den zwei Arten von Bussfertigen wird im Talmud aus der Harmonisierung zweier sich