Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Die Bussfertigen nsw. zugehen, in seinen Wegen zu wandeln, dieser Fromme müsste vor Gott und seiner abwägenden Gerechtigkeit und nicht minder vor seiner Alle, auch den Sünder umfassenden Liebe weit höher stehen als der Bussfertige. Hat doch dieser oft allen Lüsten gefröhnt, sich gegen göttliches und menschliches Recht vergangen, Gott und seine Lehre gelästert, eine Gesinnung bewiesen, die ihn aus der Reihe der Edlen streicht, einen Lebenswandel ge־ führt, der in seinen schlimmen Folgen für ihn selbst und für seine verführte Umgebung gar nicht abzuschätzen ist. ״Es gibt freilich nichts, das sich dem Bussfertigen entgegenstellen könnte3״. Aber mehr sollte der Gerechte sein und nun gar der vollkommen Gerechte. Dieser Auffassung ist in der Tat im Talmud Ausdruck gegeben. R. Chija bar Abba überliefert im Namen von R. Jocbanan eine Reihe von Aussprüchen, die alle hervorheben, dass in den eschatologischen Weissagungen der Propheten noch nicht das letzte und höchste geschildert ist, dass es noch eine Seligkeit gibt, von der ein menschliches Auge sich keine Vor- Stellung machen kann, die nur Gott allein offenbar ist. Und unter diesen: ״Alle Propheten haben nur für die Bussfertigen das Heil gekündet, aber der vollkommen Gerechten harret ein Glück, das nur Gott geschaut״. Und dennoch! An eben .dieser Stelle wird noch eine andere Ansicht ausgesprochen: Die Bussfertigen werden den vollendet Frommen nicht nur gleich, sondern auch über sie gestellt. Jener erwähnte, von R. Jochanan ausgesprochene Satz, heisst es dort weiter, steht im Widerspruch mit dem R. Abahus, denn R. Abahu hat gesagt: Die Stufe, die die Bussfertigen einnehmen, können die vollkommen Gerechten nicht einnehmen“4. Es ist interessant zu beobachten, wie die als ein Grundprinzip des Judentums erkannte und wie wir gesehen, zu Recht herrschende Ueberzeugung von dem Gott, der einem jeden vergilt nach seinem Tun, und der darum auch in den Menschen eine Stufenfolge gesetzt hat, von denen, die ihm ferner bis zu denen, die ihm am nächsten stehen, wie diese Ueberzeugung mit dem Problem ringt, das ihr dieser Ausspruch R. Abahus aufgibt.