Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 282 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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282 Ueber Marc Chagall sich am deutlichsten aus. Jetzt betrachte man einmal die Legenden seiner Bilder. Familienszenen. Der Mann über den Tisch gebeugt, die Frau fährt mit dem Kamm durch ihr Haar, im Fenster die Fernsicht eines Dorfes. Oder der Bauer sitzt mit fragenden Riesenhänden, zu seiner Rechten ein Kind mit dem Tier an der Leine, links die sitzende Frau, und auf seinem Schoss ein gnomisches menschliches Geschöpf mit Bart. Oder der Geiger in der Schneelandschaft mit dörflichem Hintergrund, eine winzige bäuerliche Kreatur wie ein Püppchen zu seiner Seite. Oder die eigentlich jüdischen Themen, der Sabbat immer wieder, die Talmudgelehrten, die betenden Juden: alle geheimnisvoll in eine Sphäre gestellt. Hier lockert sich jede profane Weitansicht, und Alles ist bezogen auf eine göttliche Macht. — Nur andeutend lässt sich dieser Seelenbauch vermitteln, und auch vor den Bildern geht es mehr melodisch auf, denn erklären lässt sich’s nicht. Ein Träumer und Phantast, eine inbrünstige Seele wird in Paris durch alle Tiefen aufgewühlt und kann nur immer wieder seine Ekstasen und Verwunderungen, eine durchgängige Rätselhaftigkeit unseres menschlichen Daseins erfahren und gestalten. Er lässt sich treiben und ist Gefäss für alles, was ihm begegnet, fast (so könnte man meinen, läge nicht schon in der künstlerischen Gestaltung an sich Selbstbesinnung und Wille zur Zucht) ein willenloses Werkzeug, das nur sieht und verkündet. Aber auf dem Untergrund seiner Seele lebt die Heimat, die heimliche jüdische Welt, auch in Paris; und die grossen phantastischen Werke über sie sind auch gerade in Paris entstanden. Ein Werdender, so schaut er zurück und auch in Zukunft und Gegenwart. Das Rückwärtsliegende (Heimat und Judentum in der litauischen Provinz) ruht als Zuflucht in ihm und wirkt als Ferment. Er sucht und findet sich ganz allein auf sich gestellt. Er rettet sich in Heimat und Judentum — immer in Paris. So entstehen diese schon erwähnten ungewöhnlich reifen Werke, wo ein Erbgut seiner Seele sich immer neu manifestiert.