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Jeschurun · 1924-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1924) · p. Seite 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 283 (sequence 61)
Language
German
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Ueber Marc Chagall 283 Nicht zufällig ist auch die Kunstfonn dieser Arbeiten einheitlich und still. Zugleich gewinnt er dem russischen Kleinbürgertum gegenüber eine liebenswürdige Distanz. Fast scheint es, sie ist nicht so tragisch gemeint. Immerhin, man lebt in Paris, und Russland liegt weit. Man lebt in einer aufgeklärten geistigen Metropole, im Herzen Westeuropa^, man erfährt eine uralte, schon überfeinerte Kultur. Hier bewegen sich die Menschen weltlich und leicht, und was in der fernen Heimat zu tiefsinnigen Gefühlen Anlass gibt, findet hier ein mokantes und erleichterndes Lächeln. So entsteht das Bild: ״Russland, den Eseln und den Anderen״, auch die wertvolle Aquarellskizze dazu. Eine mondsüchtige Kuh weidet, zwei Junge trinken ihre Milch; eine Menschengestalt ohne Kopf mit einem Milcheimer in der Hand fliegt auf die Kuh herab, während der Kopf ganz allein in den Lüften hängt, einem geheimnisvollen nächtlichen Himmelslicht oder einem harlekinartigen Monddämon zugewendet — Wir sehen schon hier: er ringt. Am fest Ererbten und urtümlich Erlebten begnügt er sich nicht, allen Zaubern der Weltstadt zugewendet, ein in die Fremde verschlagenes Band. Er malt den Eiffelturm zwischen gekräuselten Bäumen neben der flammenden Sonne. Malt ״Paris durch’s Fenster״, ein chimärisches Bild: Ein menschliches Doppelgesicht in der rechten unteren Ecke auf dem Fenstergesims, eine Katze mit Menschenantlitz in der Mitte, die magische Weltstadt aufstrahlend in der Ferne, Lichtpyramiden überall. Ein Mensch fliegt winzig mit ausgebreiteten Gliedern hoch oben, zwei andere Menschen, ebenso winzig, liegen quer und mit den Köpfen aufeinanderstehend in der Luft über der Erde, doch schreiten geruhsam in dieser etwas ungewöhnlichen Lage einher. Eine verrätselte etwas ratlose Seele hat ihre Spannungen stammelnd ausgedrückt. Ihrer Phantastik droht sie ohne Rettung zu erliegen. Aber wir wissen es ja schon, er ist Schüler der Kubisten. Auch hat er wohl gelernt, die Bild- Wirkung zu errechnen. Diese Phantastik ist jetzt zum Teil

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