Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 281 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ueber Marc Chagall 281 und entnahm ihm den Freibrief für sein eigentliches, alle bishörigen Formungsversuche überspringendes Werk. Das Formproblem seiner Kunst ist nicht leicht zu umschreiben. Wohl ist sie eine Architektonik von allen möglichen geometrischen Gebilden, wohl eine Symphonie von Farben mit ungewöhnlichen Skalen und von unmittelbarem Symbolcharakter. Aber sofort verbindet sich bei ihm Alles mit dem Inhaltlichen Gegenstand seiner Darstellung, weil ganz ursprünglich bei ihm Alles auf Vorgang und Geschehen eingestellt ist. Denn bei aller formalkünstlerischer Bemühung (mit Farbe, Fläche, Aufbau und Gegeneinanderabwägen von Farbe, Fläche und der höheren malerischen und zeichnerischen Elemente) ist er doch ganz besonders Genremaler, Erzähler und legendärer Visionär. Dies beachte man, sofern man seiner Kunst verstehend gegenübertreten möchte. Denn es gibt heute (besonders heute) noch eine grosse Anzahl Beurteiler, die das Bildkunstwerk profaniert und unwesentlich erfasst glauben, wenn es nicht nur formalkünstlerisch, sondern auch inhaltlich, auch aus dem Inhaltlichen erfasst zu werden versucht wird. Solcher Einseitigkeit gegenüber mache man sich nur einen kleinen Augenblick klar, was z. B. das ganze Werk Rembrandt’s wäre und übrig liesse, erfasste man es nur so formalkünstlerisch, ich möchte sagen, formalmethodisch und abstrakt1). — II. Erzähler ist Marc Chagall, ein legendärer Visionär♦ Aus der russischen Bauern- und Kleinkunst übernahm er das Erbe. Ganz ursprünglich erregt der menschliche Vorgang seine Phantasie, und seine Phantasie strebt immer wieder nach neuer Komposition dieser menschlichen und überhaupt seelischen Be- Ziehungen. Denn Nichts entzieht sich solcher seelischen Beleuchtung und Verklärtheit mehr. Hier erkennen wir das eigentlich Jüdische seines Wesens. An seinen jüdischen Themen wirkt es ג) Zur Klärung dieser ersichtlich notwendigen Doppelmethodik für künstlerische Kritik wäre eine besondere Untersuchung erforderlich. 4