Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 265 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2293027-2293030--06980-2300265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eine religionsphiiosophische Möglichkeit 265 Stellung des ״Lebens0 zum Leid hat der grosse Leidensträger Jeremias das Wort geprägt: ״Er bleibe einsam und schweige, denn es ist auf ihn gefallen.“ (Klagelieder 3, 28) 1). Motive talmudischer Gesetzgebung. Von Distr.-Rabbiner Dr. Salomon Stein, Schweinfurt. Wenn die Frage aufgeworfen werden sollte, ob bei der Gesetzgebung eine Beifügung der Begründung, die Bekanntgabe der Motive zweckmässig und wünschenswert oder gar notwendig ist, so werden wir dabei zu einem einheitlichen Urteil keineswegs gelangen können. Wir werden nämlich zunächst zu unterscheiden haben zwischen religiösen Gesetzen und bürgerlichen Gesetzen. Zumal bei den religiösen Gesetzen des Judentums werden wir diese Scheidung zwischen kultuellen, rituellen und juristischen Partien in den ganzen Komplex der Frage hineinzutragen haben. Es ist ohne weiteres klar, dass eine durchgängige Angabe von Gründen bei religiösen Geboten schlechthin absurd ist. Es würde dadurch die Treue gegen Gottes Gesetz der Kritik und der Souveränität der menschlichen Vernunft überantwortet sein. Es würde der wahre Habitus aller echten Frömmigkeit, die Unterwerfung unter die Vernunft Gottes, der Respekt vor seinem, wenn auch dem unserigen diametral entgegengesetzten Willen verloren gehen. Es würde die wahre Demut und Bescheidenheit, die uninteressierte Herzenseinfalt gänzlich ausgeschaltet sein. Wir dürfen nie vergessen, ג) Eine ähnliche Auffassung, wie sie der Verfasser vertritt, ist in unserem Aufsatz ״Das Problem der Theodicee in der Bibel“ (Israelitische Monatsschrift 1904 Nr. 8, Beilage zur Jüd. Pres3e) ausgesprochen, Dort werden verschiedene Lösungen aus der Bibel abgeleitet und zuletzt wird gezeigt, dass der Prolog im Buche Hiob besagen will: die Problemstellung ist an sich eine falsche. Wäre das Leid des Frommen nicht in der Welt, dann würde das Gute zwangsläufig geübt, der Begriff des Gerechten und Frommen wäre damit aufgehoben, Lohn und Strafe illusorisch geworden. Der Herausgeber.