Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 264 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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264 Eine religionsphilosophisehe Möglichkeit Willensfreiheit zum Wesen des Menschen gehört, ja sein Wesentlichstes ist. Rosenzweig spricht, als er das Phänomen des Gottversuchens deutlich machen will, einen sehr ähnlichen Gedanken aus, sieht sich aber, weil es sich um ein anderes Problem handelt, nicht veranlasst, die Unterscheidung von Wesen und Vorstellung Gottes zu formulieren. Eine rabbinische Legende erzählt von einem Fluss in fernem Lande, der so fromm sei, dass er am Sabbat sein Fliessen einstelle. Wenn statt des Mains dieser Fluss durch Frankfurt flösse — ohne Zweifel würde die ganze Judenschaft dort den Sabbat streng halten. Aber Gott tut solche Zeichen nicht. Es graut ihm offenbar vor dem unausbleiblichen Erfolg: dass dann gerade die Unfreiesten, Aengstlichen und Kümmerlichen, die מFrömmsten“ sein würden. Und Gott will offenbar nur die Freien zu den Seinen. Um so zwischen den Freien und den Knechtseelen zu scheiden, genügt aber kaum die blosse Un- Sichtbarkeit seines Waltens; denn die Aengstlichen sind ängstlich genug, im Zweifel sich lieber auf die Seite zu schlagen, zu der zu halten ״in jedem Fall“ nicht schadet, und möglicherweise — mit 50% Wahrscheinlichkeit — sogar nützt. Gott muss also, um die Geister zu scheiden, nicht bloss nützen, sondern geradezu schaden. (Stern der Erlösung S. 336. Der letzte Satz ist von mir unterstrichen.) Ein anderes ist Erkenntnis —־ ein anderes ist Leben. Der von uns vorgetragene Gedanke mag ein Weg sein, wie man von der beschaulichen Ruhe geistigen Erkennens aus die Tat- Sache des Leidens, des Unglücks und der Ungerechtigkeit mit der Idee eines allgütigen Gottes möglicherweise vereinigen könnte. Belastet uns das Leben mit Leid, ohne dass wir uns schuldig fühlen, hören wir rauschen das blutig rote Meer ungerecht vergossenen Blutes, hören das Stöhnen unnennbaren Leids, dann wird Wort und Erkenntnis zermalmt von der Wucht des Lebens, dann fühlen wir, es gibt nur eins — Schweigen und demütiges Aufsichnehmen. Für die Einstellung nicht unserer Erkenntnis, sondern unserer ganzen Persönlichkeit, für die Ein-