Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 253 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Goethe, Friedrich Delitzsch usw. 258 eignet den zehn Geboten letzten Endes keine grössere Heiligkeit als den anderen Geboten. Und diese werden von ihm keineswegs als ein blosses Anhängsel zu jenen angesehen. Wer wüsste nicht, dass sich unter den 613 Gesetzen der Thora alle jene Mahnungen finden, welche Mittler in dem Dekalog vermisst. Fühlt aber Delitzsch, der gegen Ende seines Buches den Weg, den einst Haman einschlagen wollte, um die Juden ״auszurotten״, so uneingeschränkt billigt und auf derselben Seite darauf hinweist, dass ״die jüdische Frage diejenige ist, welche die ernsteste Behandlung erheischt״, nicht, dass in einer Zeit wie der unsrigen es doch wohl sehr, ach leider allzusehr am Platze ist, das Gebot: ״Du sollst nicht töten״ in seiner bezeichnenden Kürze der Kindesseele tief einzuprägen? Und wenn es nun weiter heisst: ״Du sollst nicht ehebrechen״ ,״Du sollst nicht stehlen״ und dann ״Du sollst kein falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten״, so dürfte die monumental wuchtige Kürze, die unvergleichlich bedeutsame Reihenfolge dieser Sätze, die kein Zugeständnis zulassen, Delitzsch und seinen Freunden vielleicht denn doch manches zu denken geben. Es gibt — dies will sie ihm und manchen anderen sagen — nicht nur ein Morden des Leibes, sondern auch ein Morden der Seele, und wer freventlich den guten Ruf und die Ehre anderer antastet, ihr Heiligstes mit Füssen tritt, der ist vor seinem Gotte ebenso schuldig wie der, der sich an Leben und Eigentum seines Nächsten vergreift. Wer den Namen Jv’s freventlich missbraucht, der wird leicht dazu kommen, den zweiten Teil der Gebote in diesem oder jenem Punkte zu übertreten, und wer im blinden Hass die Ehre seines Nächsten herabsetzt, der spricht zugleich auch, ob er will oder nicht will, vergeblich und fälschlich aus den Namen seines Gottes und weiss nichts mehr von Jv. Immanuel Kant, der gewiss von Vorurteilen gegen das Judentum nicht freizusprechen ist, schreibt in seiner Kritik der Urteilskraft (I § 29) es gebe keine erhabenere Stelle in dem Alten Testament als das Gebot: ״Du sollst Dir kein Bildnis machen״. Dieses Gebot allein könne den Enthusiasmus erklären, den das jüdische Volk in seiner ״gesitteten Epoche״ für seine Religion gefühlt habe, wenn