Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 249 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Goethe, Friedrich Delitzsch usw. 249 hatte, ln den angeführten Worten fortfahrend ausruft: ״Du sollst nicht ehebrechen! Wie grob, wie unanständig! Klänge es nicht ganz anders, wenn es hiesse: Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung“ usw.? Die Germanen-Bibel unterlässt es wohlweislich, diese Ausführungen zu bringen, die zu den von ihr mitgeteilten hinzuzunehmen sind. Sie würden auch dem oberfachlichsten Leser gezeigt haben, dass das ganze ״Raisonnement״ Mittlers zu der Eigenart dieser Persönlichkeit stimmt, deren Namen ja sinnbildlich sein soll für die ״seltsamste aller Beschäftigungen“. Der Dichter, der ihn gerade in diesem Punkte belächelt und bespöttelt, möchte sich höchlichst dafür bedanken, mit ihm verwechselt zu werden. Doch Delitzsch hätte nicht einmal nötig gehabt, sich in diese Dichtung, von der Goethe selbst einmal sagte, dass mehr in ihr stecke, als jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen imstände ist, tiefer zu versenken. Es hätte genügt, wenn er nur die Sätze gelesen hätte, die auf die angeführte Aeusserung folgen, oder die, die ihr vorangehen. In der Germanen-Bibel sind sie allerdings nicht zu finden. Jene lauten: ״Charlotte sass wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um so ängstlicher, als sie überzeugt war, dass Mittler nicht wusste, was und wo er es sagte. ... Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot, sagte Charlotte mit erzwungenem Lächeln.“ Vorher aber heisst es bei Goethe: ״Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los, wie wir schon öfters gesehen haben, so rollte sie ohne Rücksicht fort, verletzte oder heilte, nutzte oder schadete, wie es sich gerade fügen mochte.“ Für die Zukunft möchten wir dem Herrn Professor raten, Goethe, den er des öfteren, aber immer nur in solchen Aeusserungen bringt, die auch in der von ihm so gerühmten Germanen-Bibel zu lesen sind, etwas weniger zu erheben, und etwas fleissiger zu lesen. Dringt er erst einmal tiefer in Goethes Leben und Wesen ein, dann dürfte er erfahren, dass der grosse deutsche Dichter zu seiner Sammlung deutscher Volkslieder veranlasst worden ist durch die eingehende Beschäftigung mit der hebräischen Bibel, wie es andererseits kein Zufall war, dass der weltweite Herder, der ihn zu jener Samm- 2