Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 235 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293027-2293030--06950-2300238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
E. Awrohom Elijo Kaplan V». 236 zielbewusstes Arbeiten an der Vervollkommnung des Selbst, das in der Schule des Mussar die reichste Anregung erhalten hatte. Der Jeschiwabachur Litauens der letzten Jahrhzehnte hat bekanntlich wenig gemeinsam mit jenem von Sorgen niedergedrückten, scheuen, weltfremden, der Kultur seiner Zeit abgewandten Typus, als der dem westeuropäischen Judentum der Jeschiwabachur erscheint. Er ist praktisch anstellig, mannigfach interessiert, von einem berechtigten Selbstbewusstsein erfüllt; auch seine Allgemeinbildung ist umfassender als man gewöhnlich vermutet. Die Beschäftigung mit irgend welchen Dingen, die ausserhalb des ausschliesslichen Talmudstudiums liegen, ist zwar offiziell verpönt. Doch ist eine solche vollkommene Abscbliessung, besonders, wenn es sich um junge Menschen handelt, die ein innerer Drang zu dem treibt, was sich an neuen Kulturbewegungen im Judentum regt, nicht möglich. Es ist keine Frage, dass diejenigen, die auf solchen Wegen, vor allem über die Lektüre der neuhebräischen Literatur zu einer modernen Bildung gelangen, oft gefährdet sind. Andererseits sind auch eine ganze Beihe von talmudiscben Grössen zu nennen, die sich eine recht ansehnliche Profanbildung angeeignet haben. Fehlt auch die systematische Schulung, wie sie durch den Besuch der höheren Lehranstalten bei uns erzielt wird — mit den zwölf für die Bildung von Geist und Charakter wichtigsten Jahren freilich allzu teuer erkauft — 80 bietet doch die Aneignung des Lehrstoffs durch Lektüre für die Erfassung des Wesentlichen und Wichtigsten einen Ersatz. Die Mängel, die dem Autodidakten anhaften, der sich auf den für ihn verschlungenen Wegen des modernen Bildungsganges mühsam eine Bahn brechen muss, verschwinden vor dem Vorzüge, dass all das mit eigenen Augen angesehen, nicht nach der Schablone angeeignet wird und darum eine originale Note erhält. Dieser Vorzug gewinnt seine besondere Bedeutung bei dem echten Jeschiwabachur, der gewohnt ist, alles mit kritischen Augen anzusehen und gelangt zur höchsten Steigerung bei dem litauischen, der durch ununterbrochene Uebung scharfer Begriffsbildung bald das Wesen methodisch-wissenschaftliehen Arbeitens erfasst. Kommt noch, wie bei dem Dahin-