Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 228 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Zur Charakteristik usw. seine, nach der die ursprüngliche Reine der Seele allein durch eigene Schuld getrübt wird und die Versöhnung mit Gott allein durch die eigene Umwandelung, die nur durch תשובה, aber durch diese immer erreicht wird. Doch angenommen — nicht zugegeben — es sei wirklich durch den Glauben an jene christlichen Dogmen oder die psychologische Einstellung, die ja älter als die Formulierung der Dogmen sein mag, ein stärkerer Grad der Vertiefung der beiden für das Sündenbewusstsein charakteristischen Momente erzielt worden — sind diese denn Selbstzweck? Es kommt doch vor allem darauf an, dass der Widerstreit sich in eine Harmonie auflöst, dass das Verhältnis des Menschen zu Gott wieder in seiner ganzen ungetrübten Reinheit, in seiner innigen Herzlichkeit empfunden wird, wie es im Anfang gewesen. Es geht doch darum, dass wir uns bewusst werden, dass Gott gegen das Gefahrenmoment, das er aus Gründen der Erhöhung des Menschen durch die Schaffung der Möglichkeit der Sünde in die Welt gesetzt in Seiner Allgüte ein Gegengewicht geschaffen, nennen wir es Versöhnung oder Erlösung. Ist es da nötig, dass immer der Weg von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe durch־ messen wird? Ist nur die Harmonie von Wert, die die schrillsten Dissonanzen löst? Es ist eben — so sagen die oft erwähnten Beurteiler — überhaupt nicht zu irgendeiner Harmonie zu einem rechten see־ lischen Ausgleich gekommen. Und wenn wirklich jene erwähnten Aussprüche nicht bloss Einzeläusserungen, sondern der Ausdruck der Lebensanschauung sind, — so halten sie uns entgegen — sie stehen alle nebeneinander, Niederdrückendes und Erhebendes ist nicht zu einer höheren Einheit zusammengeschlossen, die Anschauungen lösten sich als Stimmungen ab. Denn es liegt eben im Wesen der jüdischen Frömmigkeit jener Zeit, dass es nicht zu jenem innerlich befriedigten selbstsicheren, von Frohsinn und Glücksbewusstsein erfüllten Sicheinsfühlen mit Gott kommen kann. Um die Unrichtigkeit dieser Behauptung zu erweisen, bedarf es aber einer besonderen Dar- Stellung von dem wahren Wesen der talmudischen Frömmigkeit. (Fortsetzung folgt.)