Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 227 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zur Charakteristik usw. ־22 tragen. Wir meinen, dass der Gewinn, der sich für den Menschen aus der Annahme des Dogmas der Erbsünde ergeben könnte, die Ueberzeugimg, dass wir alle vor Gott Sünder sind, dass wir nicht auf unsere fleckenlose Beinheit pochen dürfen, durch die Grundüberzeugung des Judentums erreicht wird, die schon im Kohelethwort ausgesprochen wird: כי אדם אין צדיק בארץ אשר יעשה ״ .טוב ולןא יחטאEs gibt keinen frommen Menschen auf Erden, der das Gute täte und nicht sündigte״. Auf die Gefahren des Dogmas der Erbsünde für das Sündenbewusstsein hinzuweisen, gehört nicht in den Rahmen unserer Erörterungen. Und ebenso sind wir der Ueberzeugung, dass es des Glaubens an den Erlöser nicht bedarf, um die Furcht vor der Sünde und ihren Folgen restlos zu tilgen1). Wir empfinden wenigstens die Beseligung der Wiedervereinigung mit Gott in dem Akt der תשונה — naturgemäss je nach der Eigenart des Einzelnen — bis zur menschlich denkbar gewaltigsten Höhe. Ob in der gleichen Weise wie der gläubige Christ, das können wir nicht beurteilen. Doch das sollte ebensosehr von der anderen Seite gelten. Wir vermögen jedenfalls nicht einzusehen, inwiefern der mehr passive Charakter, der dem Sündenbewusstsein durch Erbsünde und Erlösungsglauben verliehen wird, objektiv betrachtet, eine grössere Gewähr bietet für eine tiefere Ergriffenheit durch die beiden Momente des Sündenbewusstseins, das Empfinden der Schwere der Sünde und die frohe Sicherheit des Wiedereinsseins mit Gott, als der aktive Charakter des jüdischen Sündenbewusstr) Wir sehen ganz ab von den mannigfachen Streitfragen, die über die Auflassung der Bedeutung von Wirken und Tod des Christliehen Reiigionsstifters für die Versöhnung, die Tilgung der Schuld und die Erlösung von der Sünde die Dogmengeschichte des Christentums aufweist und in denen auch heute noch die katholische und protestantische Kirche auseinandergehen. Letzten Endes ist doch jene dem Judentum gegenüber viel gerühmte Sicherheit nur auf dem Offenbarungs- Charakter des N. T. gegründet. Wir schätzen die Garantie, die uns der Offenbarung3charakter unserer Bibel in Thora, Propheten und Psalmen gibt — und auf diesen geht ja unser Sündenbewusstsein wie das talmudische was die Wirkung der חעובה betrifft ausschliesslich zurück — nicht geringer ein.