Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 226 (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Zur Charakteristik usw. geknüpft an das Dogma des Glaubens an den Erlöser und die durch ihn bewirkte Erlösung. Das Judentum kann diese Garantie der Versöhnung nicht schaffen, darum muss es in der Zerrissenheit des Sündenbewusstseins stecken bleiben. Für die talmudische Zeit fanden sich die Belege, wenn man — selbst- Yerständlieh unwillkürlich und unbewusst — aus dem überreichen Material von diesem Gesichtspunkt aus wertet und wählt. Wir sind aus der Erfahrung des Charakters des heute in uns wirksamen Sündenbewusstseins zu einem anderen Ergebnis gelangt und ballen uns aus den oben ausgeführten Gründen für berechtigt, dies auf das talmudische Sündenbewusstsein zu übergöttlicher Gebote in die Welt gekommen ist. So L. Couard in seinem E. Kautzsch gewidmeten Werke: ״Die religiösen und sittlichen An- Behauungen der altt. Apokryphen und Pseudepigraphen“ S. 126. Dieser Satz ist freilich das Beil meiner obigen Rede über das Sündenbewusstsein des zeitgenössischen Judentums. Ein solches Urteil in einem ernsten wissenschaftlichen Buche ist psychologisch nur zu erklären aus der glühenden Ueberzeugung des Vf8.: Ohne den Glauben an die Erbsünde kann es kein rechtes Sündenbewusstsein geben, also gibt es dies auch nicht im Judentum. Wir wissen wohl, dass dies Urteil nicht allgemein gefällt wird: Oscar Koltzmann Neutest. Zeitgeschichte S. 209 sagt: ״Die erste Frucht dieser Arbeit (der Beschäftigung mit dem Gesetz) war ohne Zweifel eine religiöse Gewissenhaftigkeit, die bewundert werden darf . . . Mit dieser Gewissenhaftigkeit im Kleinen verband sich leicht ein strenges Urteil über die Sünde." Doch werden derartige Urteile überall wieder abgeschwächt. Ebenso ist uns natürlich bekannt^ dass die Tiefe des Sündenbewusstseins im Christentum nicht einzig und allein aus dem Glauben an das Dogma der Erbsünde quillt. Doch auch dort, wo das Sündenbewuisstsein auf mehr allgemein psychologischen Motiven gegründet wird, merkt man, wie sehr letzten Endes die Kritik des jüdischen Sündenbewusstseins mit dogmatischen Voraussetzungen zusammenhängt: ״Dass die jüdische Anschauung an Tiefe und Energie längst nicht an die paulinische heranreicht, ist anerkannt. Es ist auch vollkommen richtig, dass was Paulus vom Sündenelend des Menschen ohne Christus sagt, von vorchristlichen Erfahrungen und Gedanken nicht erreichbar ist (Wernle Anfänge unserer Religion2 S. 164 zitiert und als eigene Ansicht angenommen von Köberie S. 516). ״Der Glaube, dass Gott gnädig und barmherzig sei, verfing auch bei anderen ernsteren Naturen nicht. Er bot in Wahrheit keinen wirklichen Trost und Rückhalt mehr. (Köberie ebds.)