Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 223 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zur Charakteristik usw. 223 dann unverständlich1). Und all die Momente, die später, wenn die Hoffnung des Wiedereinswerden mit Gott erwacht, zur Gewissheit werden, dienen nur dazu, die Selbstvorwürfe zu steigern. Dass wir hier richtig gruppieren, ergibt sich uns wiederum aus der Beobachtung der Frommen in der heutigen Zeit. Die erwähnten Motive im Kampfe mit der Versuchung sind nicht gleichzeitig gegenwärtig, sie ringen nicht miteinander, sodass etwa, wer seinen schlimmen Trieben zu erliegen droht, sich mit dem Gedanken ergäbe: Mag ich erliegen, es ist ja Gottes Schuld, warum hat er mir diesen Trieb gegeben, oder gar das Motiv ins Gefecht geführt würde: Sünde ist ja Naturgebot, denn aus der Anlage zur Sünde wird so mancher Fortschritt geboren. Die Gefahren malen sie sich aus, wenn es gilt, sich vor der Versuchung zu schützen: Niemals begib dich in Gefahr2), denn sie ist zu gross, als dass du hoffen dürftest, auch wenn du dich noch so stark fühlst, ihr zu entgehen. Bist du gestrauchelt, dann richte dich auf in dem Gedanken, dass Sündigen menschlich und dass, so ernst du auch das Vergehen nehmen magst und musst, es Gründe gibt, die dein Verfehlen im milderen Lichte erscheinen lassen. Sünde ist ein Erzeugnis der Leidenschaft, und wer vermöchte in das dunkle Getriebe der sich bekämpfenden Motive so hineinzuleuchten, dass sie auch nur für ein einziges Individuum sich klar voneinander abheben. Aber das können wir sagen, dass wer unter denen, die das Gebot Gottes sich zur Richtschnur nehmen, sich vergangen, mit Bewusstsein das letzte Motiv niemals als Milderungsgrund vor der Entscheidung zum Schlechten sich vor Augen stellt. *) Der Talmud (Sukka 62b) hat dafür das schöne Bild: Dereinst bringt Gott den bösen Trieb und schlachtet ihn vor den Frommen und den Frevlern. Diesen erscheint er als ein hoher Berg, jenen als ein dünnes Haar. Beide weinen. Die Einen: wie konnten wir diesen hohen Berg überwinden! Die Anderen: wie konnten wir nur über dies Haar stolpern! 2) Daher in Fleisch und Blut übergegangen das Bewusstsein von der Schwere des Vergehens dessen, der, wie es allgemeine Redewendung geworden, מגרה יצר הרע.