Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 222 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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222 Zur Charakteristik usw. zu einer völligen Disharmonie des Seelenzustandes. Jene Sätze stehen ja nicht unvermittelt nebeneinander, sie sind, wie nicht oft genug wiederholt werden kann, nicht zu einem System verarbeitet, sie sind aus den verschiedenen Phasen heraus, die das Sündenbewusst8ein durchläuft, geprägt. Nehmen wir z. B. die oben geschilderten Vorstellungen über den bösen Trieb. Wir hörten im ersten Teil unserer Darstellungen (unter la) von dem Bangen vor den Gefahren des bösen Triebes, von der Ausmalung seiner gewaltigen Uebermacht, von all dem, das selbst dem Reinsten durch ihn widerfährt, wie er nicht davor bewahrt bleibt, der Schuld den Tribut zu zollen; und im zweiten Teil (unter Ib) von dem Tröstlichen des Gedankens, dass der böse Trieb im Rahmen der Schöpfung eia notwendiger, ja oft nützlicher Faktor, sein Wirken manchmal auf Gott selbst zurückzuführen ist, dass überall Mittel bereit stehen ihm zu entgehen, dass der Weg zum Bösen erschwert ist usw. Man könnte nun geltend machen, dass hier Widersprüche vorliegen und es zu einer klaren Vor- Stellung über diesen wichtigen Faktor im Sündenbewusstsein überhaupt nicht gekommen ist. In Wirklichkeit ist dem nicht so. Es ist eben zu scheiden zwischen den beiden Stadien, dem vor der begangenen Sünde und dem ihr folgenden. Alle Aus- Sprüche, die die Gefahren ausmalen, sind Warnungen, die die Weisen sich selbst oder ihren Schülern geben, alle Vor- Stellungen beruhigender Natur sollen nach geschehener Tat vor Verzweiflung schützen, dem Sünder zum Bewusstsein bringen, dass für ihn jetzt nicht alles verloren ist, sie stellen gewissermassen alle mildernden Umstände zusammen, werden aus dem Beweggrunde mitgeteilt, der ja auch in der Halacha seine Bedeutung hat, dem Reuigen die Rückkehr zu erleichtern. Und ferner auch nach begangener Sünde stellt sich ja nicht sofort das erhebende Bewusstsein ein, dass durch die Reue alles gut werden könne. Es folgt zunächst doch die Phase der Zerrissenheit durch die Gewissensbisse und es meldet sich zuvörderst der Gedanke: Musste das sein?! Konnte ich den Fehltritt nicht vermeiden?! Die scheinbare Uebermacht des Triebes erscheint