Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 219 (sequence 98)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Zur Charakteristik usw. Und das Vertrauen! Wie wäre eine menschenwürdige Daseinsmöglichkeit für den Juden überhaupt denkbar — wir reden immer von dem Juden, der den tieferen Sinn seines Seins auszuschöpfen gewohnt ist — wenn bei allem physischen und psychischen Druck noch die Entzweiung mit seinem Gotte hinzukäme, wenn er wirklich der Ueberzeugung lebte: bei allem was du glaubst und tust, ist es doch fraglich, ob du dem Willen deines Gottes gerecht wirst und dir nicht nachher das Nichts droht. Nicht nur für die Gesamtheit Israels ist die Hoffnung ein Brennpunkt religiöser Gewissheit, wie allgemein zugegeben wird, sondern auch für den Einzelnen. Wie viele von uns haben an dem Sterbebette der Frommen gestanden! Sie können zeugen von dem, was sie da miterlebt• Ernst ist die Stunde und der Sterbende hält Abrechnung mit seinem Leben. Wo und wann wäre es je anders gewesen bei Menschen, die überhaupt vom Wesen der Religion einen Hauch verspürt. Aber verzweifelt?! Weil die Sünde uns den Weg zu Gott versperrt? Ist denn, weil für die christliche Kirche das Buch der Psalmen zum Gebetbuch ihrer Gemeinden geworden, es nicht auch unser Eigentum geblieben. Lebt und webt denn nicht der Jude von dem, der auf der Stufenleiter jüdisch-religiösen Denkens und Fühlens am höchsten steht, bis zu dem, der nur eine niedere erklommen in seinem ״Tehillim״. Um wieviel mehr muss das umgibt. Für den Sohn ist der Vater auch der König, dem er nic^Lt zitternde Angst wie vor dem Tyrannen, aber Ehrfurcht entgegen bringen muss. Sodann: wo bleibt das אביט שבשמים, das doch ohne das begleitende מלכט vorkommt? Und endlich wir sprechen einem Beurteiler das Recht ab, aus dem blossen Quellenmaterial zu entscheiden, welcher Ton damals mitklang. — Wir haben glücklicherweise ein entscheidendes Beispiel an der Hand, wie man sich in der Beurteilung, welcher Ton in einer Anrede mitklingt irren kann; רבינו של עולם bedeutet Herr der Welt. Also auch all das, was dabei mitschwingen soll! Man muss den lieblichen, warmen Ton kennen, mit dem das רבוט של עולם in allerlei Schicksalslagen im Osten gesprochen wird, der so klingt, wie wenn ein Kind schmeichelt: lieber, guter Vater! Wie denn auch dort, wo wir etwa sagen *ach Gott“ allgemein üblich ist ״Tate-Voter!“ Dazu muss man freilich das jüdisch-deutsche der Ostjuden nicht nur lesen können, sondern auch in diesem ״Mamme-Loschen* leben.