Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 218 (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Zur Charakteristik usw. unter dem Einfluss des Christentums sich vollzogen hätte1). Wonach denn womöglich noch geschlossen werden könnte, dass unser herzinniger Anruf Gottes als unseres Vaters darum desto stärker empfunden würde, weil seit jener Zeit noch eia Jahrtausend mehr eines solchen Einflusses sich geltend gemacht hätte. Als ob bei der völligen Ablehnung christlichen Empfindens gerade auf dem Gebiet des Kultus und besonders des Gebets eine derartige Einwirkung denkbar wäre! — Jeder Versuch in das tiefere Erlebnis in das religiöse Gefühl einer Glaubensgemeinschaft einzudringen, bleibt ergebnislos, wenn er auf Grund toten Quellenmaterials gemacht wird. Uns aber lebt es. Es lebt durch die Erfahrungen, die wir an unserem religiösen Innenleben ununterbrochen zu machen, Gelegenheit haben. Mit welchem Tone das ״unser Vater im Himmel“ gesprochen wird, das enthält alles. Wir können ihn nicht beschreiben, aber wir kennen ihn und wissen daher, dass die Väter, die uns an Herzlichkeit und Innigkeit des Fuhlens um ein Vielfaches überragen, mit diesem Tone zu unserem und ihrem Vater beteten2). ' *) vgl. Perles a. a. 0. S. 129, wozu nur zu bemerken, da9s es nicht nur wie P. sagt, keiner solchen Rückwirkung bedurfte, sondern dass eine solche auch ausgeschlossen erscheint. 2) ״Die Anrede an Gott mit אבונא ,אבא war bei Jesus״, so sagt auch Dalman (a. a. O. S. 157, trotzdem wir ihn oben S. 123 Anm. 2 als Kronzeugen gegen Weber und Bousset hinsichtlich der Behauptung, dass die Bezeichnung ״Unser Vater im Himmel״ für das talmudische Judentum keine Bedeutung habe, anführen konnten) ״etwas anderes als das durch מלכנו zugleich näher bestimmte אבינו des Achtzehngebets“ und Bousset a. ä. O. 8. 431 weiss uns zu erzählen, dass ״der Begriff König für den Orientalen eine ganz andere Bedeutung habe als für uns. In dem Worte klinge ein Klang mit von der Willkür des Tyrannen und der Unnahbarkeit des Despoten . .“ Und S. 434: ״Man bekommt den Eindruck, als wenn oft die Anrede Gottes als des Vaters wie ein verlorenes Wort in einer fremden Welt dastehe״. Zunächst: es ist nicht wahr, dass bei der Nennung Gottes als des Königs derartiges von Tyrannen und Despoten mitklang. Dagegen sprechen schon die vielen Königsgleichnisse im Midrasch, in denen von dem Sohn des Königs die Rede ist, und den der König, wenn er ihn auch aus erzieherischen Gründen strafen muss, mit den rührendsten Bezeugungen der Vaterliebe