Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 216 (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293027-2293029--06895-2300178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
216 Zur Charakteristik usw. freiheit des Menschen als unantastbare Ueberzeugung in uns lebt1). Doch dieser Widerspruch ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtproblem der religiösen Stellungnahme zur Willensfreiheit. Er hat für die Praxis des Lebens seine Lösung etwa in der Form gefunden2): Denke so als ob alles ron Gott vorherbestimmt ist3) handle so, als ob alles von der Freiheit deines Willens abhängt, wobei für das Sündenbewusstsein sich aus dem letzteren eine Steigerung des Verantwortungsgefühls ergibt, aus dem ersteren das erhebende und tröstende Bewusstsein, dass Gott dem Menschen helfend zur Seite steht und mitträgt an seiner Schuld. Wenn auch das Problem der Willensfreiheit in seiner ganzen Schärfe erst von den Eeligionsphilosophen des Mittelalters erkannt und behandelt wurde, so ist kein Anlass anzunehmen, dass das Bewusstsein von diesen beiden im Sündenbewusstsein wirksamen Elementen nicht auch in der alten Zeit lebendig war und in den 0b8n erwähnten Aussprüchen zum Ausdruck kommt. Hinsichtlich der Mittel, die Gott an die Hand gegeben hat, dem bösen Trieb zu begegnen, denken, empfinden und handeln wir heute so entsprechend den oben 4) mitgeteilten *) oben S. 119,8-9; 120,1. 2) Vgl. R. Bechai ihn Pakuda הובות הלבבות Tor III Kap. 8 ed. Fürstenthal S. 109 b. S) damit die Ueberzeugung von der Allwissenheit und Allmacht Gottes gewahrt bleibt. 4) S. 120,2—7; 121,1—2. — Wenn oben 120,4 von den Mitteln der Askese die Rede war, so ist aus dem Talmud bekannt, dass sie nur in sehr kleinem Umfang empfohlen und angewandt wurden. Das gleiche gilt auch von der heutigen Zeit, nur dass inbezug auf den Grad der Anwendung es Unterschiede gibt, je nach der Anlage der Individuen und der Einstellung unterschiedlicher Gruppen innerhalb des thoratreuen Judentums. Inbezug auf das Fasten z. B. dort, wo es nicht die halachisch streng vorgeschriebenen Fasttage gilt, könnte man eine Stufenfolge konstatieren zwischen dem thoratreuen westeuropäischen, dem osteuropäischen misnagdischen und dem chassidischen Judentum wobei seinem lebensfrohen Charakter gemä3s das letzte es am wenigsten streng nimmt. Allen gemeinsam ist jedenfalls, dass die Askese keine entscheidende Rolle spielt.