Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 213 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Charakteristik usw. 213 Für den Charakter des heutigen Sündenbewusstseins steht jedenfalls fest, dass aus der Lehre vom eigenen Verdienst und vom Verdienst der Väter und den mit ihnen verwandten Begriffen vor allem lebendig ist: das niederdrückende Gefühl der gesteigerten Verantwortlichkeit und der eigenen Unzulänglichkeit und das erhebende der beglückenden Hoffnung nicht völlig verloren zu sein, einen Schirm und Schutz zu besitzen in dem frommen Lebenswandel der Ahnen und der erwählten Zeitgenossen. Das macht sich geltend für das Sündenbewusstsein des Individuums, in besonders hohem Grade aber für das der Gesamtheit1). * * * Für die der Verzweiflung entgegen wirkenden Faktoren vom ״Sündenbewusstsein“ können wir uns sehr kurz fassen. Man braucht nur auf unsere obige Ausführung hinzuweisen mit der Frage, ob das, was wir heute in uns an derartigen Faktoren zu beobachten Gelegenheit haben, sich nicht völlig mit dem oben Geschilderten deckt. Sie würde von der Gesamtheit bejaht werden. Wir sind alle in gleicher Weise heute wie damals von diesen Gedanken und Empfindungen beherrscht. Das, was heute durch eine bessere Kenntnis des Seelenlebens klarer hervortritt, ist in allen seinen Grundzügen auch in den talmudischen Aussprüchen wiederzufinden und diese Grundzüge wird und im Talmud sich darüber fast gar keine Andeutung findet. VgL auch Rapoport Einleitung zu R. Abraham b. Chijas הגיון נפש von mir a. a. 0. zitiert S. 180 f. Jene Grundanschauang wird, wie erwähnt, nicht davon berührt *) wie ja auch זכות עקדה das Verdienst, das Abraham sich durch die Opferung Isaks erworben hat als einen Akt, der seinem Volke immer wieder Errettung und Erlösung bringt, in den zehn Busstagen nicht zum kleinsten Teil im Mittelpunkt der Gemeindegebete steht. Es handelt sich hier für den ernsten Beter aber auch wiederum nicht um eine äusserliche Zurechnung, sondern um den Hinweis, wie Israel in seiner ganzen Geschichte bereit war und bereit ist, diesen Opferakt zu wiederholen und wie es um dessentwillen der Hoffnung lebt, dass Gott eingedenk sein wird dessen, dass der Same dieses Stammes trotz maneher gegenwärtigen Verirrungen die Bürgschaft bietet einer sittlichreligiösen Erneuerung.