Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 212 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Zur Charakteristik usw. Einen um der Anderen willen Gnade finden ist eines der stärksten Elemente im jüdischen Bewusstsein1). Unendlich viel bedeutet der Fromme nicht nur durch sein Wirken der Umgebung, sondern auch durch sein Leben den Zeitgenossen2). Das Verdienst der Väter ist nie wirksam ohne eigenes Verdienst der Nachkommen, ebenso wie eine Heimsuchung auf Grund der Schuld der Väter voraussetzt בשאוחזין מעשי אבותיהם בידיהם dass die Nachkommen selbst schuldig sind. Dem Verstorbenen ist jede Möglichkeit genommen, den Stand, den er bei seinem Tode vor dem göttlichen Richterstuhl eingenommen, durch gute Taten seiner Nachkommen zu ändern, ebensowenig wie schlimme Taten der Kinder den dahingegangenen Ahnen angerechnet werden3). ג) Wir reden hier natürlich nur von der Gemeinbürgschaft gegenüber Gott, nicht von der Solidarität, die durch den Druck von aussen hervorgerufen und gestärkt wird. Da diese Verfolgungen freilich auch als eine Schickung Gottes angesehen werden, so wirkt eines auf das andere.— Dass dies Gefühl der Gemeinbürgschaft dort stärker ist, wo die toratreuen Massen sesshaft sind und hier ein Stück Gesamtisrael verkörpern als dort, wo die Mehrheit völlig andere Wege geht, ist klar, geschwunden ist es hier darum doch nicht. — Uebrigens ist diese Lehre von der Haftung der Einen für die Anderen doch gemeinschaftliches Gut vieler Religionen. Ein bedeutender christlicher Theologe schrieb mir angesichts der Heimsuchung der Menschheit durch den Weltkrieg, dass das wahrlich für den nicht verwunderlich wäre, der die Gotteslästerungen der letzten Zeit erlebt. 2) Die Rolle, die diese Lehre innerhalb des Chassidismus spielt, ist bekannt. Sie ist aber, wenn auch in abgeschwächtem Masse, im Gesamtjudentum lebendig. Vgl. die sprichwörtliche Wendung: ״Er ist keiner von den צדיקים Y'b“. 3) Das ist Grundanschauung, weil jede andere Ansicht mit dem beherrschenden Prinzip sich in Widerspruch setzen würde, nach dem allein das Diesseits die Stätte des menschlichen Wirkens zum Guten oder zum Bösen sein kann. Inwiefern Sätze wie die oben 115 2—4 angeführten mit dieser Anschauung in Einklang zu bringen sind, wie denn die mannigfachen frommen Uebangen der Pietät gegen die verstorbenen Eltern, die Gaben und die Gebete für die Toten, das grosse Gewicht, das auf den Kaddisch gelegt wird, zu erklären sind, darüber vgl. Wohlgemuth a. a. 0. S. 129—139. — Es lässt sich freilich nicht leugnen, dass — durch welche Kanäle wäre noch zu untersuchen — Einflüsse sich auf das nachtalmudische Judentum geltend gemacht, die es von der ursprünglichen Anschauung entfernt haben. Es gibt immerhin doch zu denken, dass heutzutage auf jene Dinge so viel gegeben