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Jeschurun · 1924-03-01 · Heft 3-4 (März 1924) · p. Seite 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 3-4 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 209 (sequence 88)
Language
German
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Zur Charakteristik usw. 209 ״Verdienste“ angelegt, dass er nach dieser Richtung abwägt, ob es ihm glückte, in den besseren Stand zu gelangen.1) Fehlt es ja dem Menschen überhaupt an jeder Möglichkeit, Schuld und Verdienst gegeneinander abzuwägen. Und trotz alles Geredes, dass bei uns alles auf einer Fläche stehe2) und trotz der aus leicht begreiflichen Gründen aufgestellten Mahnung, dass leichte Gebot so ernst zu nehmen wie das schwere3) ist der Gedanke vorherrschend, dass nicht gezählt, sondern gewogen wird und dies von Gott, der allein das Ganze zu übersehen vermag und alle Umstände berücksichtigt4), so dass 8s wiederum zur sprichwörtlichen Wendung geworden ist: Mancher erwirbt sich das Glück des Jenseits in einer Stunde.5) Das ist die Wage Gottes! Dem Menschen ziemt es, sich bescheiden und demütig in die tiefste Rangstufe einzuordnen. Und nun erst in der ernstesten Stunde des Lebens auf seinem Sterbebette. Nach der auch heute feststehenden Ueberzeugung, sie gehört eben zu den Grundauffassungen des Judentums, nach der dem Menschen jederzeit der Weg zur Rückkehr frei steht, zu einer völligen Umwandlung seines Ich und zu einer dementsprechenden restitutio in integrum, ist das Sündenbekenntnis und die Anerkennung, dass man sich nicht des Jenseits würdig fühlt 1) Es ist rein menschlich, dass man in Tagen, die der Rückkehr und Busse geweiht sind, wie in den zehn Busstagen vom Neujahr bis zu dem Versöhnungstage besonders auf seinen Lebenswandel achtet. Aber auch hier ist von einer Neigung zu einem zahlenmässigen Ab wägen nirgends die Rede. Es ist charakteristisch, dass ausser einer besonderen Betätigung im Wohltun, einer besonderen Scheu, den Nebenmenschen nicht zu nahe treten, Dinge, die schon Jesajah in seiner grossen Bussrede Cap 08 empfohlen hat, nicht Spezielles zur ״Besserung des Standes“ empfohlen wird. Im Schulchan Aruch (Orach Chajim § 603) wird nur die Einhaltung eines geringfügigen Gebotes, das sonst vielfach nicht berücksichtigt wird, empfohlen. 2) Harnack a. a. 0. S. 31; und dem Sinne nach alle nichtjüdische Beurteiler. *) Aboth II1. 4) Von Maimonides kodifiziert Hüch. Teschuba III2. 6) יש קונה עולמו בשעה אחת Ab. s. 10 b; vgl. auch Taanith 29 a; Kethuboth 103 b. 6

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