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Jeschurun · 1924-03-01 · Heft 3-4 (März 1924) · p. Seite 206

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 3-4 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 206 (sequence 85)
Language
German
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206 Zur Charakteristik usw. verwendet, wird niemand das Prädikat des Frommen zusprechen. Dass derartige Rehabilitationen in der von dem Ideal abgefallenen Welt der Wirklichkeit üblich sind, das hat auch hei uns seinen Niederschlag gefunden. Ebenso herrscht in den niederen Schichten der Beurteiler mancherlei Verwirrung und Verschwommenheit über den religiösen, ״den guten Juden״. Die einen sehen ihn oft in dem, der in gesteigertem Grade den Formen der praktischen Gesetzesübung nachkommt, unbekümmert darum, ob er das besitzt, was wir Religiosität nennen. Die anderen in dem, der von besonderer Herzensgute ist, ob er sich auch manches hat zu schulden kommen lassen in den Forderungen, die seine Religion ihm stellt 1). Beide sind befangen von jener uns scheinbar angeborenen Anschauung von der Kompensation. Doch das alles gilt nicht von dem ursprünglich jüdischreligiösen Empfinden: Derjenige, der sich vergangen hat, bleibt Sünder und mag er auch sonst viele Guttaten aufzuweisen haben. Sünde und gottgefällige Handlung stehen eine jede für uns auf einem anderen Feld2). Dem Psalmenwort שויתי ה׳ לנגדי תמיד ich stelle mir Gott stets vor Augen entspricht das andere וחטאתי נגדי תמיד meine Sünde ist mir stets gegenwärtig. Ist das letztere ja die Folge des ersteren. ״Gott übersieht kein Vergehen. Er ist langmütig, aber fordert die Schuld ein8).״ Es widerspricht das an sich nicht der mit der gleichen Gewissheit vorausgesetzten Gnadenübung Gottes. Denn jede Sünde bedeutet eine Empörung gegen Gott, ist an sich ein Vergehen, durch das der Sünder sich von der Gemeinschaft mit Gott ausschliesst4), das daher die Gerechtigkeit Gottes nicht ungestraft lassen kann. Ein besonderer Ausfluss *) Schon im Talmud begegnet uns jene Beurteüung aber freilich mit der richtigen Wertung: צדיק טוב צדיק שאינו טוב רשע רע ורשע שאינו רע (Kidd. 40a). Wie weit man in der Verurteilung des ״Frommen“ geht, ״der nicht Gutes tat“, beweist Midrasch Tebillim S. 68 zu Ps. 7,9 צדיק ורע רשע וטוב שניהם שקולין זה כזה dass er dem ״Frevler der gut ist“ völlig gleichsteht. ־) vgl. M. Lazarus: Ethik des Jad. I S. 45. Eine Schuidaustilgung durch überschüssige ״gute Werke“ kennt die Ethik und das Judentum nicht. 8) Vgl. oben S. 116 3 und 116 6. *) vgl. oben S. 116 6.

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